Sie sind hier: Startseite » WORT » CAEDITE EOS

WOLFSTEIN

Mehr als 10 Jahre waren seit der Schlacht bei Doryläum vergangen, eine lange Zeit, in welcher sich sowohl für Heinrich Jasomirgott als auch für Ritter Perchtold viel änderte:

Der Rückweg vom Kreuzzug hatte Heinrich über Konstantinopel geführt, dort hatte er am Ende des Jahres 1148 die byzantinische Prinzessin Theodora Komnena geheiratet, die Nichte des byzantinischen Kaisers Manuel, sie lebten zuerst einige Jahre in Regensburg, dann in Wien, der neuen Hauptstadt des Herzogtums, das sich durch den Einfluss des Paares langsam zu einer respektablen Metropole entwickelte.

Durch das "Privilegium Minus" im Jahre 1156 war die "Marcha Austria" zum Herzogtum erhoben worden, ein schwacher Trost für Heinrich, denn anstatt in Bayern zu regieren, wie es ihm zugestanden wäre, hatte ihn Friedrich Barbarossa mit "Ostarichi", diesem unzivilisierten Reich im Osten abgespeist. Doch das Dokument, das am 17. September 1156 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa in Regensburg ausgestellt wurde, sollte für die Zukunft des Landes eine besondere Bedeutung erlangen: Es war gleichsam die Geburtsurkunde Österreichs, aus der "Marcha orientalis" wurde das Herzogtum Austria.

Die Mark Österreich wurde also rechtlich zu einem eigenständigen Herzogtum erhoben, und war dadurch nicht mehr nur ein Grenzbezirk, der dem Herzog von Bayern unterstand, sondern ein eigenes Reichsfürstentum. Dazu kam eine Reihe von Sonderrechten, die Barbarossa den Babenbergern gewährte, vermutlich um Heinrich II. Jasomirgott für den Verlust Bayerns zu entschädigen. Dazu gehörte das bemerkenswerte Recht der weiblichen Erbfolge: Sollte es keinen männlichen Nachfolger geben, durfte auch eine Tochter das Herzogtum erben und mit ihrem Gemahl weitervererben. Außerdem wurden die Heerfolgepflichten abgeschwächt: Während andere Reichsfürsten Truppen auch für entfernte Kriegszüge stellen mussten, war der österreichische Herzog nur verpflichtet, den Kaiser in Nachbarländern militärisch zu unterstützen – eine erhebliche Entlastung, die den Babenbergern größere Eigenständigkeit in der Ostmark verschaffte.

Was damals wie eine Randlösung für Barbarossas komplizierte Politik im deutschen Süden erschien, erwies sich bald als Grundstein der Eigenständigkeit Österreichs. Denn Wien, das Heinrich Jasomirgott zur Residenz erhob, wuchs durch die neue Rolle im Reich zu einer aufblühenden Stadt heran.

Aus dem Ritter „Perchtold vom Achswald“ war mit der Zeit "Perchtold von Wolfstein" geworden, benannt nach seiner Burg, die er auf einem Felsen inmitten des Waldes mit Hilfe seines Freundes Albero von Kuenring erbaut hatte. Die Axt verwendete er nur noch, um Bäume zu fällen, mit dem Kriegsgeschäft wollte er nichts mehr zu tun haben.

Doch die Legende von der "Axt des Königs" lebte weiter, so heißt die Gegend rund um die Burg Wolfstein heute noch "Aggswald". Viele Jahre päter errichteten die Kuenringer eine Burg direkt an der Donau, die sie „Aggstein“ nannten, weil sich der Name für diese Gegend schon eingebürgert hatte, möglicherweise auch zu Ehren Ihres Verbündeten Perchtold.

Seine Tochter Elise war mit ihren 17 Jahren zu einer bemerkenswert schönen und tüchtigen Frau herangewachsten, sie hatte nach dem Tod ihrer Mutter alle Aufgaben der Burgherrin übernommen, und kümmerte sich um alles, auch um die Schwächsten und Ärmsten unter den Leibeigenen und Bauern, so wurde sie von allen Menschen der Umgebung verehrt und geliebt.
Es war ein schlichtes Landleben, erfüllt von harter Arbeit und wenig Zerstreuung, so war es ihre einzige Freude, wenn sie mit ihrem Vater die neu erbaute Burg Dürnstein am gegenüberliegenden Ufer der Donau in der Wachau besuchen durfte, denn dort wurde viel gefeiert, es gab Musik und Tanz, aber vor allem einen jungen Mann, an den sie ihr Herz verloren hatte, den fast gleichaltrigen Hadmar II, den Sohn Albero´s aus dem Geschlecht der Kuenringer.


Trotz seiner derben Art war dieser einfühlsam und zärtlich, wenn sie alleine waren. Er war ein junger Krieger, wie man es von ihm erwartete, doch konnte er auch sehr charmant und verführerisch sein.
Die junge Frau war im verfallen, und bei ihrem Besuch zu Maria Lichtmess im Jahre 1158 gab sie sich ihm schließlich hin.

Ein paar Monate später, als es Frühling war, peitschte Perchtold seinen mächtigen schwarzen Noriker-Hengst, durch die dichten Wälder, erreichte die Burg der Kuenringer, ritt die Wachen nieder und hielt sein schnaubendes Ross im Innenhof kaum an, als er absprang und auf Albero von Kuenring zustürmte, der gerade mit seinen Mannen Waffenübungen durchführte.
Der große Perchtold streckte den kleineren stämmigen Albero mit einem Faustschlag nieder, aus den zusammengepressten Lippen tönte seine tiefe Stimme:

"Dein Sohn ist ein Frauenschänder !"

Albero war schuldbewusst, er hatte tatsächlich von seinem Sohn Hadmar erfahren, dass diesen mit Elise, der Tochter Perchtolds, mehr verbunden hatte, als nur eine Romanze, und er wies seine Mannen an, nicht einzugreifen.

"Perchtold, mein alter Freund, so beruhige dich, es wird alles gut, ich verspreche es, ich werde mich um dieses Kind kümmern, aber eine Heirat kommt nicht in Frage, denn Hadmar ist bereits der Eufenia versprochen und diese Verbindung ist für unser Haus sehr wichtig, bitte versteh das, ich will nicht gegen Dich kämpfen."

Eindringlich, fast flehend sprach er auf den zornigen Freund und Kampfgefährten ein, der sich nach und nach beruhigte. Die Wut verwandelte sich in Trauer, denn er begriff, dass es für seine Tochter und den jungen Hadmar keine gemeinsame Zukunft gab, somit würde das Kind als Bastard zur Welt kommen, und er konnte daran nichts ändern, auch nicht mit Gewalt.

An diesem Abend und in dieser Nacht wurde viel getrunken, obwohl es nichts zu feiern gab, am nächsten Tag kehrte Perchtold auf die Burg Wolfstein zurück und musste zusehen, wie das freudige erwartungsvolle Funkeln in den Augen seiner geliebten Tochter erlosch, als er ihr verkündete, dass für Hadmar eine andere Frau als Gemahlin vorgesehen war. Im Stillen hoffte Elise natürlich, dass ihr Geliebter sie irgendwann aufsuchen würde, und sie ihr Leben gemeinsam mit dem Kind verbringen würden, doch sie sah Hadmar niemals wieder. Alles was ihr blieb, war die Erinnerung an diese Nacht in Dürnstein, als sich ihre Liebe zu ihm erfüllte. Unter dem Herzen trug sie sein Kind: "So habe ich zumindest einen Teil von ihm." dachte sie oft, doch das war wenig tröstlich.

Der Sommer verging und der Herbst färbte die Blätter des Dunkelsteinerwaldes ockergelb und rot, die Nächte wurden kälter und der Raureif überzog das Gras jeden Morgen.

-
Seit der Schlacht von Doryläum hatte Heinrich II von Babenberg seinen treuen Ritter Perchtold von Achswald jedes Jahr in dessen Burg Wofstein im Dunkelsteinerwald besucht, dieser hatte in seinem Einflussbereich einige Siedlungen errichtet und erfolgreich einen Teil des Waldes gerodet und zu ertragreichen Feldern verwandelt, den Zehent von der Ernte konnte sein Herzog gut gebrauchen. Auch ließ es sich im Dunkelsteinerwald ausgezeichnet Jagen, wenn man einen erfahrenen Führer hatte, denn wer sich in diesem Wald verirrte, fand alleine nicht mehr raus. Mit seinem Freund Perchtold hatte Heinrich diesen erfahrenen Mann und einen ausgezeichneten Jäger.

So gingen Sie auch an diesem Tag im Oktober 1158 gemeinsam auf die Jagd und waren erfolgreich. Die noch warmen Körper der erlegten Wildschweine dampften in der kalten Herbstluft, als plötzlich ein Bote von der Burg auftauchte und mit schwacher Stimme die fürchterliche Nachricht überbrachte: Elise war bei der Geburt ihres Kindes gestorben.

Tief betroffen kniete der alte Ritter Perchtold am Totenbett seiner Tocher, als man ihm das Kind, seinen Enkelsohn übergab. Erst hatte er die geliebte Frau, nun auch die Tochter verloren und in seinen Armen hielt er den kleinen Bastard des Kuenringers Hadmar, im Bewusstsein, dass er dieses Kind nun alleine aufziehen musste.

Heinrich versuchte vergeblich den verzweifelten Perchtold zu trösten, der mit seinem Schicksal haderte. Zum Zeichen seiner Verbundenheit schenkte er an diesem Tag dem Neugeborenen ein goldenes Kreuz, das dieser sein Leben lang mit sich tragen sollte.

"Sein Name sei Franziskus, der Freie, frei sei er von der Bürde einer niederen Geburt, er wird den gleichen Stand bei mir haben, wie die Kuenringer." versprach Heinrich. Er würde sich um den Kleinen zu kümmern, wenn es nötig sei - und er hielt Wort.