DER BASILISK
Inmitten der rauen Natur des Dunkelsteiner Waldes wuchs der kleine Franziskus heran, von Perchtold liebevoll jedoch streng erzogen. Der Alltag auf der Burg und im Wald verlangte Kraft und Ausdauer, und Perchtold brachte dem Jungen bei, wie man sich in der wilden Umgebung behauptete.
Bereits mit 5 Jahren beherrschte er die Kunst des Bogenschießens, er kannte die Wege und Pfade des Waldes, und vor allem den respektvollen Umgang mit der Natur. Die beiden durchstreiften die Wälder, erkundeten die Flüsse und lernten, die Zeichen der Tiere zu lesen. Franziskus lernte mit Leichtigkeit, er wahr geschickt und aufmerksam, wenn Perchtold geduldig mit ihm seine Erfahrungen teilte.
Doch nicht nur physische Fertigkeiten wurden an den jungen Franziskus weitergegeben. Perchtold war ein Mann von festen Überzeugungen, und er legte großen Wert auf Rechtschaffenheit, Gottesgläubigkeit und Furchtlosigkeit. Bei abendlichen Lagerfeuern erzählte er Geschichten von Heldenmut und Opferbereitschaft, von den Tugenden eines wahren Ritters. Er hob die Bedeutung des Glaubens und der Verantwortung gegenüber den Schwächeren hervor, und Franziskus lauschte und lernte.
Perchtold beobachtete ihn mit Stolz, und wenn er in die Augen des Jungen blickte, sah er, dass die Seele seiner Tochter Elise in diesem Kind weiterlebte.
Im Schutz der Dunkelheit und begleitet von den geheimnisvollen Geräuschen des Waldes wagten sich Franziskus und sein Großvater Perchtold auf eine nächtliche Exkursion in den dichten Dunkelsteiner Wald. Der blass schimmernde Schein des Mondes bahnte sich seinen Weg durch das Blätterdach und warf silbrige Flecken auf den Waldboden. Ein Hauch von Feuchtigkeit und Moos hing in der Luft, während die Geräusche der nachtaktiven Tiere um sie herum flüsterten.
Franziskus' Herz pochte schneller vor Aufregung und Neugier. Mit seinen 10 Jahren war er kein Kind mehr, er war trotz seines Alters bereits ein junger Mann, der von Perchtold zur Vernunft, Entschlossenheit und Furchtlosigkeit erzogen worden war. Freude und Ehrfurcht empfand er, als er durch den dunklen Wald streifte, im Schatten der hohen Bäume.
Perchtold schritt mit kraftvollem Gang voran, seine Augen aufmerksam und wachsam auf die Umgebung gerichtet. Die jahrzehntelange Erfahrung als Krieger und Jäger hatte ihm eine besondere Sensibilität für die Zeichen und Gefahren des Waldes verliehen. Es war, als ob er eine unsichtbare Verbindung zur Natur hatte, die es ihm ermöglichte, die geringsten Bewegungen zu spüren und die leisesten Geräusche zu hören.
Plötzlich erstarrte Perchtold, und Franziskus spürte die plötzliche Anspannung in der Haltung seines Großvaters. Er folgte Perchtolds Blick und erstarrte ebenfalls, als seine Augen auf eine bedrohliche Gestalt fielen, die sich zwischen den Bäumen bewegte.
Ein schattenhafter Umriss von beeindruckender Größe und bizarrer Form bewegte sich langsam durch das Unterholz. Der Anblick verschlug Franziskus den Atem. Vor ihnen schälte sich aus dem Dickicht der Basilisk – ein Wesen, das man nur aus Fabeln kannte. Sein gefiederter Körper glänzte im matten Licht des Mondes, die herbstlichen Farben der Federn schillerten im Zwielicht, man konnte sie kaum von den Herbstblättern unterscheiden, eine perfekte Tarnung.
Die starren Augen des Wesens leuchteten im Mondlicht. Franziskus spürte wie ein Schauer über seinen Rücken jagte. Sein Herz pochte wild in seiner Brust, und seine Gedanken rasten.
Perchtold ging ganz langsam in die Knie und breitete seine Arme aus, ohne sich umzudrehen flüsterte er seinem Enkelsohn zu: "Lauf, lauf so schnell Du kannst, lauf um Dein Leben", doch Franziskus war wie erstarrt.
Der Basilisk warf den Kopf zurück und stieß einen markerschütternden Schrei aus, der die Stille des Waldes zerriss, und den Boden zum Vibrieren brachte. Sein Kopf senkte sich wieder, und der gefiederte Kamm zitterte, während er sich langsam auf die beiden Menschen zubewegte.
Dann ging alles plötzlich rasend schnell, ein Wirbel aus Bewegung, Klauen und Federn. Die grässliche Kreatur hatte Perchtold mit ihren scharfen Klauen gepackt, der Ritter hatte den Schaft seiner Axt quer in das weit aufgerissene Maul des Basilisken gestoßen, und konnte damit den Kopf mit den messerscharfen Zähnen auf Distanz halten.
Es war ein brutaler Kampf, bei dem die Natur ihre finstersten und mächtigsten Kräfte entfesselte, die scharfen Krallen zerfetzten den Leib des Kriegers, der langsam ermattete.
Da kam auf einmal Bewegung in den jungen Franziskus, er sprang von hinten auf den Rücken der Bestie und stach wie wild mit dem Messer auf dessen ungeschützten Nacken ein.
Der Basilisk stieß einen gellenden Schrei aus, versuchte den Angreifer abzuschütteln, beutelte den Kopf hin und her, bis Franziskus von seinem Rücken abfiel. Die vielen Messerstiche, die ihm der Junge beigebracht hatte, hatten den Basilisken tödlich verwundet, einmal griff er noch an, und versuchte den Jungen zu beißen, dann brach er in sich zusammen.
Die Stille kehrte zurück in den Wald, nur unterbrochen vom schweren Atmen der Menschen.
Perchtold lag am Boden und röchelte, seine Wunden waren tief und bluteten schwer, und Perchtold wusste, dass seine Zeit gekommen war.
Franziskus kniete neben seinem Großvater nieder, seine Hände ruhten auf Perchtolds Schultern. "Stirb nicht, bitte stirb nicht, lass mich nicht allein." flehte er, während heiße Tränen aus seinen Augen fielen.
Perchtold lächelte müde " Du hast das Biest erledigt, gut so", sein Gesicht war von Schweiß und Blut verschmiert, mit letzter Kraft hob er die Hand und strich über das tränenüberströmte Gesicht seines jungen Enkelsohnes.
"Du bist stark und schnell, dein Geist ist wach und dein Verstand wird dir sagen, was du tun sollst. Das sind die wichtigsten Waffen eines Ritters. Finde deinen Weg und geh ihn zu Ende mit Stolz".
Mit diesen Worten verblasste Perchtolds Blick, und seine Augen schlossen sich langsam. Franziskus spürte, wie der letzte Atemzug seines Großvaters ihn verließ, und er wusste, dass er nun alleine weitergehen musste. Der Kampf gegen den Basilisken hatte nicht nur ein Wesen aus Fleisch und Blut gefordert, sondern auch eine Legende, einen Helden und einen geliebten Großvater.
Der Mond verschwand hinter einer Wolke und Dunkelheit des Waldes hüllte ihn ein, während Franziskus schluchzend neben dem toten Körper seines Großvaters kauerte, seine Kindheit war vorbei, das Untier hatte ihm den wichtigsten Menschen in seinem Leben genommen und nun war er allein und auf sich selbst gestellt. Die ganze Nacht benötigte er, um den schweren Leichnam seines Großvaters vor das Burgtor zurück zu schleifen, doch als man ihn am Morgen fand, weinte er nicht mehr, seine Augen waren dunkel und sein Blick war leer.