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THEODORA

Am 2. Jänner 1184 erlosch in Wien ein Licht, das heller geglüht hatte als alle Kerzen im Stephansdom. Theodora Komnene, Herzogin von Österreich, Nichte des byzantinischen Kaisers Manuel, die Mutter Leopolds V., war tot. Für die Wiener, die ihr in den zwanzig Jahren seit ihrem Einzug ins Herzogtum begegnet waren, war sie mehr als nur eine Herzogin gewesen – sie war die lebendige Erinnerung an die Pracht des Ostens.
Theodora war um 1135 geboren, in Konstantinopel, der größten Stadt der Christenheit. Sie wuchs im purpurnen Glanz des Kaiserhofes auf, zwischen hohen Marmorsäulen, goldenen Mosaiken und dem ewigen Duft von Weihrauch. Schon als Kind lernte sie, sich zu bewegen wie eine Kaisertochter: langsam, würdevoll, nie den Blick senkend.
Ihre Mutter, aus einer der ältesten Familien der Komnenen, flüsterte ihr jeden Abend ins Ohr: „Vergiss nie, Theodora – du bist Komnene. Unser Blut trägt die Kaiserkrone.“

Im Jahr 1148, trafen sich ihre Wege mit Heinrich II., dem Herzog von Österreich, er kam an den Hof in Konstantinopel als Verbündeter des Kaisers Konrad III, begleitet von Friedrich Barbarossa, mit dem er auf dem Kreuzzug ins heilige Land leider nicht weitergekommen war als bis Doryläum, wo das Heer der Kreuzfahrer von den Seldschuken vernichtend geschlagen wurde. Er war nicht jung, nicht glänzend schön, aber von einer unerschütterlichen Würde, in seinen Augen waren Demut, Hingabe und Gottvertrauen zu sehen.

In einem der goldschimmernden Säle lernte er Theodora kennen. Man erzählte, Manuel selbst habe die Begegnung eingefädelt – denn eine Allianz zwischen Byzanz und den Babenbergern war politisch wertvoll. Theodora war damals kaum zwanzig, Heinrich über vierzig. Doch als er ihr zum ersten Mal den Arm bot, spürte sie, dass er kein Spieler war, sondern ein Mann, dem man vertrauen konnte, der sein und auch ihr Schicksal gut lenken würde.

Die Hochzeit war kein großes Schauspiel, das Konstantinopel beeindruckte, man flüsterte, sie habe Glück, einen Herzog zu heiraten, obwohl Österreich zu dieser Zeit nicht so bedeutend war, wie Bayern, das dem anderen Vetter Barbarossas als Lehen gegeben wurde, und Heinrich zum Troste vom Markgraf zum Herzog ernannt wurde. Wien war gerade erst zur Residenzstadt erhoben worden, also war da im Grunde nichts Gorßartiges, das Theodora sich erwarten konnte.

Doch für sie war es mehr als eine Pflichtheirat. Sie sah in Heinrich einen Mann, den sie führen und beraten konnte.

Zunächste lebten sie gemeinsam in Regensburg, und als Theodora 1156 nach Wien zog, war es mehr eine Grenzstadt als eine Hauptstadt. Die alten Mauern der Römer waren noch zu sehen, Holzhäuser drängten sich am Fluss, das Land roch nach Rauch und Vieh. Doch Theodora brachte Byzanz mit. Ihre Mitgift bestand nicht nur aus Gold und Gewändern, sondern aus Menschen: byzantinischen Architekten, Gelehrten, Mönchen.
Bald erhoben sich neue Bauten in Wien, Stein statt Holz, Kirchen mit Kuppeln und Ikonen, die an den Glanz Konstantinopels erinnerten. Sie führte Seidenstoffe ein, die bis dahin nur durch Händler bekannt waren, und sie ließ den Hof nach byzantinischem Zeremoniell ordnen: Prozessionen, strenge Sitzordnungen, feierliche Liturgien.
Die Wiener staunten. Manche murrten, doch viele erkannten, dass ihre Stadt durch sie ein neues Gesicht bekam.

Aus der Ehe mit Heinrich gingen drei Kinder hervor, darunter Leopold, der künftige Herzog. Für ihn war Theodora nicht nur Mutter, sondern Lehrmeisterin. Sie sprach mit ihm Griechisch, las mit ihm Evangelien und Geschichten von Alexander dem Großen. „Du wirst eines Tages regieren“, sagte sie, „aber vergiss nicht: Macht ist mehr als ein Schwert. Macht ist Wissen.“

Auch Franziskus fand in ihr die Mutter, die er nie gehabt hatte. Sie erkannte in ihm die wilde unterdrückte Leidenschaft, den Hunger nach Anerkennung, aber sie zähmte ihn nicht, sie gab ihm Richtung. „Du bist wie Eisen“, sagte sie ihm einmal, „hart, dunkel, aber im Feuer kannst Du geformt werden".

Als Heinrich 1177 starb, war es Theodora, die den Übergang sicherte. Sie stand neben Leopold, als dieser die Herzogswürde übernahm, und sie war die stille Macht im Hintergrund. Noch Jahre lang war sie die Stimme der Erfahrung, wenn Leopold zwischen Krieg und Diplomatie schwankte.

Am 2. Jänner 1184 erlosch ihr Licht. Sie war fast fünfzig Jahre in einem Land gewesen, das nicht das ihre war, und doch hatte sie es geprägt wie keine Frau vor ihr. Die Chronisten berichteten nur mit wenigen Worten von ihrem Tod. Aber in den Straßen Wiens weinten die Menschen, sie wussten, dass mit ihr ein Stück des Glanzes der byzantinischen Kultur unterging.