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SCHWERTLEITE IN MAINZ

Für den Sommer des Jahres 1184 lud Kaiser Friedrich Barbarossa zu einem besonderen Fest an den Hof nach Mainz, und die Kunde von diesem kommenden Ereignis lief wie ein Lauffeuer durch alle Lande. Man sprach von Turnieren, von Festmählern, von der Schwertleite seiner Söhne, die vor den Augen der ganzen Christenheit zu Rittern erhoben werden sollten. Es sollte ein Schauspiel werden, eine Machtdemonstration um von der Größe des Kaisersreiches zu künden.

Leopold V. blieb in Wien zurück, denn die Trauer um seine Mutter Theodora war zu frisch, es fiel ihm schwer, die Bürde der Herrschaft ohne ihren Rat zu tragen. Doch er wollte nicht fehlen lassen, dass Österreich in Mainz für alle sichtbar vertreten war. So schickte er seinen treuesten Gefährten. Franziskus von Wolfstein erhielt Kleider, Rüstung und Banner, die ihn unverkennbar als Vertreter der Babenberger auszeichneten. „Der Kampf liegt Dir mehr als die Politik,“ hatte Leopold gesagt, „also sieh zu, dass keiner von denen stehen bleibt.“

Als Franziskus am Rhein eintraf, stockte ihm der Atem. Noch nie hatte er solch ein Heer an Menschen gesehen. Weit über siebzigtausend mögen es gewesen sein – Fürsten mit ihren Gefolgen, Ritter in glänzenden Harnischen, Händler mit Wagen voller Waren, Spielleute, die auf Marktplätzen sangen. Der ganze Rheingau schien ein einziges Festzelt, und über allem ragte der Dom von Mainz, der an diesem Tage nicht nur ein Gotteshaus war, sondern das Herz des Reiches.

Das Turnierfeld erstreckte sich weit und breit. Tribünen waren gezimmert worden, Banner flatterten im Wind, Trompeten kündeten jeden neuen Wettkampf an. Franziskus trat an, nicht als blinder Draufgänger, sondern mit der Ruhe eines Mannes, der wusste, dass er den meisten hier überlegen war. Er focht mit dem Schwert, rammte den Schild des Gegners mit solcher Wucht, dass selbst erfahrene Kämpfer Respekt zeigten, und trug Sieg um Sieg davon. Schon bald raunte man in den Lagern: „Der Finstere“, wie manche ihn nannten, sei ein Mann, dem man besser nicht in die Quere komme.

Friedrich Barbarossa saß auf der Ehrentribüne und beobachtete das Geschehen. Der Kaiser, der selbst in vielen Schlachten gefochten hatte, erkannte die Kraft, die Gewandheit, aber auch den unorthodoxen Kampfstil dieses jungen Franziskus, nicht sehr edel, aber höchst effektiv.

Das Ende der Feier kam rasch und unerwartet durch einen verheerenden Sturm, die meisten Menschen suchten Zuflucht in den Gebäuden der Stadt und für das prunkvolle Finale der FEstivitäten geplante "Schwertleite", mit der Barbarossa seine Söhne ehren wollte, mußte in den Stadtsaal verlegt werden.

Zu dieser feierlichen Zeremonie ließ Friedrich Barbarossa auch den Franziskus holen, hieß ihn niederknien und legte ihm das Schwert auf die Schulter.
So erhielt der junge Kämpfer vom Kaiser selbst den Ritterschlag, der ihn endgültig aus dem Schatten eines Vasallen ins Licht der Reichsritter erhob.

Die Halle brodelte vor Stimmen, Gelächter und dem Klirren der Becher. Musikanten spielten, während die Mägde Wein nachschenkten und Speisen kredenzten. Franziskus saß etwas abseits, den dunklen Umhang geschlossen, der Becher stand unberührt vor ihm.
Da drängte sich ein Mann durch die Menge, die Augen blitzend voller Schalk, den Mund zu einem derben Grinsen verzogen:
„Heiliger Bartholomäus, was haben wir denn da? Ein finsterer Schatten inmitten der fröhlichen Schar. Sag, Ritter, bist Du nicht der, den sie "den Dunklen" nennen, Franziskus Tenebricus, ich habe die feigen Pfaffen da drüben deinen Namen flüstern hören ?“
Franziskus hob den Blick, langsam, beinahe gelangweilt: „Wer fragt ?“
Der Gefragte grinste nur noch breiter, setzte sich ohne zu fragen neben ihn.
„Nenn mich Baudolino." ächzte er, als er seinen fülligen Körper auf der Bank verteilte. "Sei nicht so ernst, so still, und dieser Mantel – schwarz wie ein Beichtvater in der Fastenzeit. Ich sage dir, Freund, ein dunkler Schatten verdirbt das Fest.“
Franziskus erwiderte trocken: „Wenn ich ein Schatten bin, dann bist Du wohl das große Licht."
Baudolino lachte laut „Oho! Der dunkle Man hat Witz, bist also ein "Ridiculus", nicht ein "Tenebricus".
Franziskus beugte sich vor, sein Lächeln war kalt: "Sei gewarnt, Schwätzer, zwei Ohren sind rasch abgetrennt"
Einen Augenblick lang herrschte Stille am Tisch, bis Baudolino in lautes Gelächter ausbrach, doch ein wenig Angst schwang in seinem Lachen mit.

Baudolino redete andauernd, und Franziskus hörte nur mit halbem Ohr zu. Er ging nicht auf die derben Scherze des anderen ein, blieb kühl und abweisend, sprach kaum paar Sätze. Doch die Erinnerung blieb an diese erste Begegnung von zwei Welten, die so verschieden waren wie Stahl und Rauch, und Baudolino sollte ihm bald wieder über den Weg laufen.

Als Franziskus Mainz verließ, war er ein anderer Mann. Der Schwertschlag des Kaisers hatte ihn in die Reihen der Höheren erhoben, und er wusste: nicht nur der Kaiser hatte ihn bemerkt, sehr viele andere bedeutende und unbedeutende Menschen auch, ab nun war sein Beiname wie ein Wappen: Franziskus Tenebricus – der Dunkle, der Schatten, für viele der letzte Schatten, der auf sie fiel.