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BEGEGNUNG MIT AGNES

Begegnung mit Agnes

Fünf Schiffe waren es gewesen, die zu Ostern 1179 im Hafen von Montpellier aufbrachen, mit der jungen Agnes von Frankreich an Bord, kaum zwölf Jahre alt und schon zur Braut eines Kaisers bestimmt. In Genua stießen vierzehn weitere Schiffe hinzu, schwer beladen mit Geschenken und begleitet von byzantinischen Gesandten, die ihre Ankunft vorbereiteten. Wochenlang hatte das Meer sie getragen, bis schließlich die Türme Konstantinopels am Horizont auftauchten wie goldene Flammen im Dunst.

Die Kaiserstadt empfing sie mit allem Glanz, den ein Reich aufzubieten vermochte, das seine Größe aus Rom, Athen und Jerusalem zugleich ableitete. Trompeten hallten, Prozessionen bewegten sich durch die Straßen, der Hof bereitete sich auf eine Hochzeit vor, die das Abendland mit dem Morgenland verbinden sollte.

Auch Österreich war vertreten. Leopold, der junge Herzog, war nicht selbst erschienen, er hatte seinen Waffenbruder und treuesten Vasallen entsandt, Franziskus von Wolfstein. Ausgestattet mit einem offiziellen Schreiben, das ihn als Vertreter des jungen Herzogs auszeichnete und dem Kreuz der Babenberger, das er zu diesem Anlass für alle sichtbar um den Hals trug, bewegte er sich in den Reihen der Fürsten und Prälaten, von niemandem weiter beachtet als ein junger Mann, der mit ernstem Blick und schweigsamer Haltung die Welt um sich herum kritisch beobachtete.

Es war am Vorabend der Feierlichkeiten, als Franziskus sich in die Gärten des Großen Palastes zurückzog, um der dröhnenden Menge zu entkommen. Dort traf er auf Agnes. Sie hatte sich vom Gefolge gelöst, stand am Rande eines Brunnens und weinte leise, das Gesicht in ihren Händen verborgen.

Er stellte sich neben sie, als wäre der Platz ganz nahe an ihrer Seite der natürlichste Ort für seinen Aufenthalt, und sagte mit sanfter Stimme, ohne sie anzublicken: "Eine Kaiserin weint nicht, das wisst ihr hoffentlich".

Agnes hob den Kopf. Ihre Augen waren feucht, aber darin glühte ein junges, ungezähmtes Licht. „Alle starren mich an,“ flüsterte sie, „alle reden mit mir, als wüsste ich, wie man sich verhält. Aber ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

"Manchmal ist es am Besten, wenn man gar nicht viel sagt" antwortete der wortkarge Franziskus, weil ihm diese Antwort zu diesem Zeitpunkt am Treffendsten erschien.

Agnes hörte auf zu weinen und ein zarter Schimmer von Vertrauen trat in ihr Gesicht. „Ihr seid der Gesandte aus Wien, man sagt, ihr seid der Beschützer des Herzogs, sein dunkler Schatten"

Franz beugte sich leicht zu ihr. „Beschützer ist ein nettes Wort", sagte er amüsiert, "zumeist finden die Leute andere Bezeichnungen für mich".
"Könnt ihr nicht auch mich beschützen ?" fragte die kindliche Frau, nicht ohne Koketterie.
„Nun, ich werde bald nicht mehr hier sein. Aber über die Sterne können wir sprechen: wenn Ihr mutlos seid, blickt nach Westen – dort glänzt der Abendstern für Euch. Ich blicke nach Osten, und sehe den Morgenstern. Es ist derselbe Himmelskörper, so kann ich Euch die nötige Kraft schicken" Sein Vortrag klang fast wissenschaftlich, doch sein breites Lächeln ließ die junge Agnes wissen, dass er durchaus romantisch gemeint war, und sie lächelte wieder.

Am folgenden Tag, dem 2. März 1180, fand die große Feier in der Trullos-Halle des Großen Palastes statt. Unter Hymnen und Chören, im Licht unzähliger Lampen, wurde Agnes, die man nun Anna rief, mit Alexios II. Komnenos vermählt. Doch während die Priester sangen und die Menge jubelte, suchten ihre Augen immer wieder den jungen Mann aus Österreich. Manchmal war ihr Blick hilfesuchend, manchmal von jener stillen Schwärmerei, die einem Mädchen eigen ist, das zum ersten Mal verliebt ist.

Franziskus erwiderte den Blick nur selten, und wenn, dann mit einem Ausdruck, der zugleich Trost und Abschied war. Irgendwann während der Festlichkeiten war er verschwunden, erst einige Jahre später sollten sich ihre Wege erneut kreuzen.
Zurück in Wien widmete er sich wieder dem Studium im Schottenstift, wo Laurentius, der mittlerweile die Priesterweihe erhalten hatte, ihn mit geduldiger Beharrlichkeit unterwies.
Vor allem das "Sterngucken" bereitete dem jungen Mann große Freude, die Nacht war frei von Lärm und Verpflichtungen, die Zeit allerdings zu schade, um mit Schlafen vergeudet zu werden, also verbrachte er viele Stunden in einer Dachkammer auf einem Söller, von dort konnte er fast den gesamten Nachthimmel beobachten.

In einer dieser klaren Nächte erstrahlte auf einmal im Sternbild der Kassiopeia ein neuer, gleißender Stern – eine Supernova, die von den Mönchen notiert wurde wie ein himmlisches Wunder. Auch Franziskus wusste, das war ein Zeichen, gleich dem Stern von Bethlehem, doch er ahnte nicht, dass in dieser Nacht, fern im Süden, ein Knabe geboren worden war: Franz von Assisi.

Der Heilige und der Unheilige Franziskus – so sollte die Geschichte sie nennen. Und ihre Schicksale würden zeigen, dass die Licht- und die Schattenseiten des Lebens manchmal in Grauzonen verschwimmen.

Bei Hofe begann Franziskus von Wolfstein eine Ausbildung zum Diplomaten, denn bei den Babenbergern wurde er längst wie ein Familienmitglied behandelt; er genoss das volle Vertrauen des jungen Herzogs Leopold ebenso wie die Freundschaft zu dessen jüngerem Bruder Heinrich. Dieser führte in seiner Burg zu Mödling einen Hof, der einen angenehmen Kontrast bot zu den strengen höfischen Gesetzen, die in Wien galten.

Während in Wien jedes Gespräch, jeder Schritt, selbst Unterhaltungen bei Tisch von Politik durchdrungen waren, herrschte in Mödling eine freiere Luft. Heinrich, unbelastet durch die Pflichten eines Herrscheramtes über ein ganzes Land, erlaubte sich und den Seinen ein Hofleben, das von Jagd, Geselligkeit und dem herzlichen Lachen seiner böhmischen Gemahlin erfüllt war. Wo in Wien der Ernst der Geschäfte zu Achtsamkeit und Würde mahnte, öffnete Mödling ein Fenster zu Leichtigkeit und Lebensfreude.

Franziskus bewegte sich zwischen diesen verschiedenen Welten und lernte von beiden.