KONSTANTINOPEL
Im Jahr 1185 entschloss sich Kaiser Friedrich Barbarossa zu einem erneuten Zug nach Italien. Seine Motive lagen, wie so oft, in der Mischung aus Herrschaftsrepräsentation, dynastischer Politik und dem beständigen Ringen mit den oberitalienischen Städten und dem Papsttum. Vor allem aber wollte er die Stellung seiner Familie sichern: Er bereitete die Heirat seines Sohnes Heinrich VI. mit Konstanze von Sizilien vor, einem Bündnis, das dem Kaiserhaus die Aussicht eröffnete, auch den Thron Siziliens zu gewinnen.
Die Kunde dieses Unternehmens erreichte rasch auch Wien. Leopold V., erst seit kurzem Herzog, stand vor der Frage, ob er den Kaiser selbst begleiten sollte. Barbarossa zog mit seinem Hofstaat gen Süden, doch Wien lag nicht auf seiner direkten Route; der Kaiser reiste von Schwaben aus nach Italien. Leopold entschied, sich dem Zug anzuschließen, nicht zuletzt, um die Treue der Babenberger unter Beweis zu stellen und ihre Stellung im Reich zu festigen.
Schon bald aber zeigte sich, dass dieser Italienzug nicht das Gewicht früherer Feldzüge hatte. Es fehlte an entschlossenen Gegnern, die Städte waren geschwächt, und die päpstliche Seite nicht in der Lage, große Konfrontationen zu wagen. Statt großer Schlachten bestimmten Unterhandlungen und Heiratsverträge die Monate. Für Barbarossa war das politische Ziel wichtig – die Einbindung Siziliens in den Machtbereich des Reiches. Für einen Mann wie Franziskus aber, der als Kämpfer geschickt worden war, gab es wenig zu tun.
Gerade diese Untätigkeit öffnete eine andere Tür: Während der Kaiser seine Zeit in Italien zwischen Empfängen, Trauungsverträgen und Verhandlungen verbrachte, wuchs in Byzanz die Unruhe gegen jenen Mann, der dort an die Macht gekommen war: Andronikos I. Komnenos. Einst ein Verwandter und Günstling des kaiserlichen Hauses, hatte er durch List, Grausamkeit und eine Mischung aus Charme und Brutalität den Thron an sich gerissen. Zunächst war er als Befreier aufgetreten, als jemand, der die Missstände beseitigen und die Würde des Reiches erneuern wollte. Doch bald zeigte er sein wahres Gesicht: Verdächtige ließ er blenden, Gegner öffentlich hinrichten, selbst Mitglieder der kaiserlichen Familie fielen seiner unersättlichen Machtgier zum Opfer.
Und so wurde der Gedanke geboren, einen verlässlichen Mann gen Osten zu entsenden, um die Lage in Konstantinopel zu erkunden – und vielleicht mehr als nur das zu tun, sollte sich die Gelegenheit ergeben.
Franziskus von Wolfstein war die ideale Wahl: er war jung, entschlossen, kampferprobt, und zugleich nicht so eng an diplomatische Rücksichten gebunden wie die großen Fürsten. Leopold stimmte zu, und Barbarossa segnete die Mission ab. Während also die Heere des Reiches langsam durch Norditalien zogen, brach Franziskus in geheimer Mission gen Osten auf – ein Weg, der ihn in die Wirren eines Kaisermordes führen sollte.
Er erinnerte sich nur zu gut an jenen Tag in Konstantinopel, als er der Hochzeit von Agnes mit dem byzantinischen Kaiser Alexios beigewohnt hatte, das Mädchen hatte in ihm den Beschützerinstinkt geweckt. Dass eben diese Agnes nun unter der Gewalt jenes Andronikos lebte, den man mehr als Tyrannen denn als Herrscher kannte, gefiel ihm ganz und gar nicht.
Aber gerade diese Erinnerung verlieh der Mission, die nun an ihn herangetragen wurde, eine ganz persönliche Dringlichkeit.
Der Landweg über Dalmatien und Thessaloniki galt zu dieser Zeit als unsicher, und war auch zu lang und beschwerlich, also entschied man sich für die Seereise. Von Ancona aus bestieg er ein byzantinisches Handelsschiff, das über die Adria nach Korfu segelte, dann die Küste des Peloponnes entlang, durch die Ägäis, vorbei an Euböa und schließlich durch die Dardanellen nach Konstantinopel. Ein starker Wind und erfahrene Seeleute brachten das Schif innerhalb kurzer Zeit ans Ziel, und schon am Morgen des 12. Septembers 1185 konnte Franziskus an Land gehen.
Die Stadt empfing ihn wie ein aufgescheuchter Bienenstock. Auf den Plätzen sammelten sich wütende Menschen, Mönche riefen zu Buße und Umkehr, während die einheimischen Händler mit ausländischen Kaufleuten stritten, die Spannung in den Straßen war spürbar. Inmitten dieses brodelnden Chaos erblickte Franziskus eine Sänfte, darin erkannte er Agnes von Frankreich, die man hier Anna nannte, die Gemahlin des Herrschers. Er erinnerte sich an sie als das zarte Mädchen, das bei Schutz gesucht hatte, sie hatte sich verwandelt. Eine Kaiserin, von einer Schönheit, die ihn den Atem kostete, und zugleich mit jener verletzlichen Aura, die ihn sogleich handeln ließ.
Franziskus rannte der Sänfte hinterher, während das Volk begann, den Palast zu stürmen. Er sah, wie die Sänfte mit Agnes in einem Seitentor verschwand, und fast gleichzeitig ertönte lautes Geschrei vor dem Haupttor, als Andronikos aus seinem Versteck gezerrt, durch die Straßen geschleift und schließlich an den Füßen aufgehängt wurde.
Angewidert von dem brutalen Treiben der Masse stand Franziskus mitten im Getümmel, er griff zum Dolch, den er unter dem Mantel verborgen hatte, und als er sah, wie die johlende Meute den Andronikus peinigten und verspotteten, glitt er entschlossen durch die Menge, ganz in die Nähe des Gepeinigten: ein gezielter Dolchstoß – und Andronikos war tot. War es ein Akt der Erlösung, um den Usurpator vor weiteren Schmerzen zu bewahren ? Zumindest war ein politischer Auftrag erfüllt, und für die wütende Menge war es das Werk ihrer eigenen Raserei, denn der finstere junge Mann verschwand unerkannt in der Menschenmasse.
Der Mob setzte sich nun in Bewegung, der Palast wurde gestürmt und mit der Menschenmenge gelangte auch Franziskus hinein, er suchte nach Agnes und fand sie genau dort, wo er sie vermutet hatte, in dem weitläufigen Garten, den man über den großen Festsaal erreichen konnte, versteckt in der Laube, in der sie damals die wenigen Worte miteinander wechselten.
Agnes schrie verzweifelt auf, als der dunkle Schatten sich über sie beugte, doch dann erkannte sie ihn: "Du, von allen Menschen, die mir je Treue geschworen haben, ausgerechnet Du ?" - "Wir müssen hier weg," raunte Franziskus, packte ihren Arm und sah ihr fest in die Augen: "Schnell". Dann rannten sie beide um ihr Leben.
Die Flucht war ein einziger Wettlauf mit dem Tod. Durch die Gassen Konstantinopels, über das Goldene Horn hinweg, hinab zum Hafen. Ein zwielichtiger Seemann, bestochen mit wertvollen Münzen, brachte sie über das Schwarze Meer. Von dort führte der Weg durch Bulgarien, durch die Wälder bis nach Ungarn, wo Franziskus Gott-sei-Dank Bekannte hatte, die ihm halfen, die Weiterreise zu sichern.
Als sie endlich Wien erreichten, war vom einstigen Glanz nichts mehr übrig: keine Rüstung, kein Geldbeutel, nur ein abgezehrter junger Ritter und eine Kaiserin ohne Thron. Doch sie waren lebendig. Und Wien sollte erfahren, dass Franziskus von Wolfstein nicht nur der Mann war, der als "Franziskus Tenebricus - Der Finstere" und der "Held von Mainz" bezeichnet wurde, sondern auch jener, der eine Kaiserin aus den Flammen Konstantinopels gerettet hatte.
Die Jahre nach der Rückkehr aus Konstantinopel brachten Franziskus eine unerwartete Ruhe. An der Seite von Agnes, die man in Wien allgemein „die Französin“ nannte, verbrachte er einige glückliche Jahre – soweit das Leben eines Mannes wie er überhaupt glückliche Jahre kannte. Wolfstein, die dunkle Feste im Wald, wurde ihr Rückzugsort, Dürnstein die Bühne, von der aus sie die Donau überblickten, und in Wien, das noch immer mehr Dorf als Stadt war, versuchten sie, das Hofleben mit zu gestalten.
Offiziell galt Agnes, die verwitwete Kaiserin aus Konstantinopel, als Gast des Hauses Babenberg, eine Dame von fremdem Hof, die unter den Schutz des Ritters Franziskus gestellt war. Am Hof in Wien hielt sie sich zurück, trat an der Seite von Herzogin Ilona auf, und wahrte den Anschein einer zurückgezogenen Witwe. Doch auf Wolfstein und Dürnstein, fern von der städtischen Neugier, führten sie eine engere Lebensgemeinschaft, die all jenen, die ihnen nahe waren, nicht verborgen blieb. Getarnt als Haushalts- und Schutzgemeinschaft, abgesichert durch Stiftungen und Frömmigkeit, konnte diese Verbindung Bestand haben – nicht ohne Gerede, aber im Schutz von Freundschaft und Verschwiegenheit.
Agnes sah zunächst mit Verwunderung auf die ungepflasterten Straßen, die einfachen Holzhäuser und die krummen Gassen der Residenzstadt Wien. Doch wo sie konnte, verwandelte sie die Schlichtheit in Eleganz, ein Hauch der byzantinischen Kultur war wieder spürbar, wie man ihn von Theodora gekannt hatte.
Oft fanden sich die Paare am Hof Heinrichs von Mödling ein, wo man Feste mit Musik, Tanz und Spielleuten feierte. Dort wurde viel gelacht, gesungen und getanzt, zur großen Freude der Frauen, die lebenslustige Ungarin Ilona hatte in Richza, der Gemahlin Heinrichs, eine gute Freundin gefunden, gemeinsam gestalteten sie so manche Festivität.
Leopold blieb gern der Tugendhafte, korrekt und förmlich, selbst in der fröhlichsten Stunde versuchte er, Würde auszustrahlen, mit gespielter Strenge sagte er dann zu seiner Frau: "Helene, sei nicht so ausgelassen", was ihm meist nur helles Gelächter der Damen einbrachte.
Franziskus hielt sich ebenfalls zurück, doch nur, wenn Leopold anwesend war, sonst konnte der Mann aus dem Waldviertel jeden unter den Tisch trinken, wenn er wollte.
Die Becher kreisten, ein altes Trinklied erklang, grob und herzlich zugleich, das die Spielleute von irgendwoher mitgebracht hatten. Die Frauen sangen im Chor, die Ritter hoben die Becher, und für so manchen Abend schien es, als könnte die Welt nicht mehr aus den Fugen geraten.
„Uns ist geschehen ein guot gemach,
der Becher kreiset, trinket nach!
Wer Freude sucht, der trink mit uns,
des Lebens kürze sei kein Grund.
Ein Herz im Wein wird nimmer krank,
drum füllet nach den Becher, trank!
Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Am Morgen des 4. September 1187 standen Agnes und Franziskus auf den Mauern von Wolfstein. Der Wald lag still, kein Laut war zu hören, als sich der Himmel verdunkelte. Langsam schob sich der Mond vor die Sonne, bis nur noch eine fahle Sichel aus Licht am Himmel brannte. Ein gespenstisches Dämmerlicht legte sich über das Land, die Vögel verstummten, und selbst die Hunde auf dem Burghof duckten sich winselnd.
Agnes hielt die Hand ihres Geliebten und flüsterte: „Es ist, als würde die Welt den Atem anhalten.“ Franziskus sah lange in den Himmel, die Sonnensichel über ihnen schien wie ein brennendes Zeichen. „Ich bin bei Gott nicht abergläubisch,“ sagte er leise. „aber das sieht wie ein böses Omen aus: das Zeichen Saladins am Himmel kündigt nichts Gutes an.“
Und tatsächlich: Am 2. Oktober 1187 fiel Jerusalem in die Hände Saladins. Nur wenige Tage später erreichte die erschütternde Kunde auch den Hof der Babenberger. Kaum ein anderes Ereignis konnte Europa so aufrütteln – denn mit der Heiligen Stadt ging auch das „Wahre Kreuz“ verloren, jenes Reliquiar, das nach der Überlieferung aus den Resten des Kreuzes Christi gefertigt war und das man im Abendland als stärkstes Zeichen göttlicher Nähe verehrte. Dass es nun in muslimische Hände geraten war, empfanden viele Christen als eine unerträgliche Schmach, ja als Strafe Gottes.
Bald hallte der Ruf nach einem neuen Kreuzzug durch alle Lande. Noch im selben Monat erließ Papst Gregor VIII. seine Bulle Audita tremendi, die ganz Europa zum Aufbruch ins Heilige Land aufforderte. Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell und entzündete die Herzen der Gläubigen – vom einfachen Bauern bis zum König.
Die größten Herrscher der Christenheit folgten dem Ruf: Friedrich Barbarossa, Philipp II. August von Frankreich und Richard Löwenherz von England nahmen das Kreuz.
Friedrich Barbarossa reagierte mit Bedacht. Überstürzt handeln wollte er nicht, doch schon im Winter begannen seine Räte, Pläne zu schmieden. Im Reich musste man die Folgen bedenken: ein Heer von Zehntausenden brauchte Ausrüstung, Versorgung, klare Befehlsketten. Und vor allem brauchte der Kaiser die Zustimmung und Unterstützung der Fürsten. So gingen im Januar 1188 Schreiben hinaus, die sie für den kommenden März nach Mainz beriefen.
Auch in Wien erreichte der kaiserliche Bote das Hoflager Leopolds V. Der Herzog las die Zeilen schweigend, dann reichte er das Pergament seinem treuesten Gefährten. „Das Reich ruft, Franziskus. Jerusalem ist gefallen, das Wahre Kreuz verloren. Wir müssen nach Mainz.“ Franziskus nickte nur, ihm war klar, dass die guten Zeiten vorbei waren und er sich von Agnes verabschieden musste.