DAS MAINZER HOFFEST
Wochenlang rollten Wagen mit Vorräten, begleitet von Rittern in glänzenden Harnischen, gefolgt von Knechten mit schwerem Gepäck die alten römischen Straßen gen Mainz entlang. Als Leopold V. mit seinem Gefolge eintraf, bebte die Stadt bereits vor Stimmengewirr, Hufgetrappel und dem Duft von gebratenem Fleisch, Weihrauch und dem Gestank von Pferdedung und nassem Leder.
Die Kathedrale von Mainz erhob sich wie ein gewaltiger Riegel aus Stein über den Dächern, das Herz des Reiches. Schon von Weitem hörte man den dumpfen Klang der Glocken. Drinnen war die Luft schwer von Rauch und Wachs, Kerzen tauchten das hohe Gewölbe in ein goldenes Zwielicht. Der Kaiser hatte keine Mühen gescheut, um diesen Tag zu einem Schauspiel zu machen: Banner der Fürsten flatterten zwischen den Säulen, die Wappen glänzten in der Dämmerung, und die Chöre sangen so laut, dass es schien, als würde die Kirche selbst erbeben.
Als Friedrich Barbarossa erschien, wurde es still. Der Kaiser, hoch aufgerichtet, das Gesicht von den Jahren und Kriegen gezeichnet, wirkte wie das Sinnbild der Macht selbst. Seine Stimme hallte durch das Schiff, als er die Anwesenden zum Schwur rief. Einer nach dem anderen trat vor, kniete nieder, nahm das Kreuz.
Leopold folgte ohne Zögern. Er senkte das Haupt, die Hände fest umschlossen den hölzernen Balken, den man ihm darbot. In diesem Moment war er nicht mehr nur Herzog von Österreich – er war ein Teil der großen Gemeinschaft des Reiches, ein Fürst, der bereit war, sein Leben und das seiner Leute für die heiligen Stätten zu wagen.
Hinter ihm schritt Franziskus. Er sah das Kreuz glänzen, sah Leopolds entschlossenes Gesicht, und in diesem Augenblick wusste er: "Dort wo dieser Zug endet, werde ich der Mann sein, der das Blut vergießt, während andere beten."
Draußen, vor der Kathedrale, wartete die Menge, ehrfürchtig vor dem Kaiser und all seinen Mann, denn sie alle wussten, dass dies für viele der Aufbruch in den sicheren Tod war.
Nach der feierlichen Zeremonie, als die Glocken noch dröhnten und die Menge draußen sich langsam auflöste, zog sich der Kaiser mit einigen wenigen Vertrauten in eine Seitenhalle des Mainzer Doms zurück. Die Fackeln warfen ein unstetes Licht auf die alten Steinwände, die Luft war vom süßlichen Duft des Weihrauchs durchzogen.
Leopold und Franziskus standen nebeneinander, während Friedrich Barbarossa langsam an ihnen vorbeiging, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Trotz seines Alters strahlte er noch immer eine gewaltige Präsenz aus – der rote Bart, die durchdringenden Augen, die Stimme, die selbst im Flüstern den Raum beherrschte.
„Herzog Leopold,“ begann der Kaiser, „Ihr habt Euch stets als treuer Fürst des Reiches gezeigt. Ich danke Euch für Euren Schwur. Österreich wird seinen Platz im Zug der Christenheit haben.“
Leopold neigte das Haupt. „Es ist meine Pflicht, Majestät. Und meine Ehre.“
Barbarossa blieb stehen, drehte sich dann jedoch zu Franziskus um. Einen Moment lang musterte er den schweigsamen Mann, der in seinem dunklen Umhang, mit der unbewegten Miene, die Hand am Schwertgriff, aussah wie eine Statue.
„Und Ihr“, sagte der Kaiser mit tiefer Stimme, „Ihr werdet bei diesem Kreuzzug ausnahmsweise einmal mein Schatten sein."
Franziskus erwiderte den Blick, er verzog keine Miene.
Barbarossa trat einen Schritt näher, sodass nur noch eine Armlänge zwischen ihnen blieb. „Ich bin alt, das macht mich verletzlich. Auf diesem Kreuzzug wird ein scharfes schnelles Schwert mehr wert sein als das Gebet. Ich will, dass Ihr bei meinem Tross reitet.“
Leopold hob überrascht den Kopf. „Majestät – Franziskus ist mein Mann. Er ist mir treu verpflichtet.“
Der Kaiser hob die Hand, eine Geste, die keinen Widerspruch duldete. „Er bleibt Euer Mann, Herzog. Doch für diesen Feldzug wird er mein Leibwächter sein. Ich will keinen Ritter aus edlem Geschlecht, der die Feder lieber schwingt als die Klinge. Ich will einen, der im entscheidenden Augenblick keine Fragen stellt, sondern handelt.“
Leopold sah Franziskus an, und in seinem Blick lag eine Mischung aus Stolz und Unbehagen. Er wusste, der Kaiser forderte hier den wertvollsten Mann, den er hatte, jenen Mann, der ihm sonst immer den Rücken frei hielt.
„Wenn Ihr es befehlt, Majestät," sprach er schießlich, "einen besseren Mann findet ihr nicht."
Barbarossa nickte zufrieden, ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Gut. Dann lasst uns den Sarazenen zeigen, wo Gott wirklich wohnt."
Er wandte sich ab, das Gespräch war beendet. Leopold und Franziskus durten gehen. Vor der Kathedrale legte der Herzog seinem Freund und Waffengefährten die Hand auf die Schulter. „Pass nur gut auf ihn auf, das ist eine große Verantwortung.“
Franziskus nickte kurz, er wusste, dass dies kein gewöhnlicher Auftrag war, immerhin war es der Kaiser, den er beschützen sollte.