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DIPLOMATISCHE REISEN

Die päpstliche Bulle und der Weg nach Rom

Der Herbst des Jahres 1193 brachte einen päpstlichen Legaten nach Wien, dessen schwarzer Habit und silbernes Kreuz bereits von weitem verkündeten, dass Rom etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. In der Empfangshalle des Babenberger Hofes entrollte der hagere Mönch seine Pergamentrolle mit dem roten Wachssiegel und verlas mit lauter Stimme die Worte Papst Coelestins III.
Herzog Leopold V. hörte fast teilnahmslos zu, die Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht eine steinerne Maske. Als der Legat geendet hatte und das gefürchtete Wort "Exkommunikation" durch den Raum hallte, zuckte Leopold nur unmerklich mit den Schultern.
"So sei es," sagte er kühl und wandte sich ab, als wäre der päpstliche Bann nicht mehr als ein lästiger Verwaltungsakt.
Der Legat, sichtlich überrascht von dieser Gelassenheit, verließ Wien noch am selben Tag. Leopold aber ließ sofort einen Boten rufen. "Reitet nach Wolfstein," befahl er seinem Kämmerer, "Franziskus soll unverzüglich kommen. Er muss nach Rom reiten, um diese klerikalen Unannehmlichkeiten aus der Welt zu schaffen."

Die Exkommunikation war im 12. Jahrhundert die schärfste Waffe der Kirche, ein Bannstrahl, der Seele und Ansehen eines Menschen treffen sollte. Der Exkommunizierte war von den Sakramenten ausgeschlossen, durfte nicht die Messe hören, nicht die Kommunion empfangen, nicht in geweihter Erde bestattet werden. Schlimmer noch: wer mit ihm Umgang pflegte, riskierte selbst den Kirchenbann.
Für einen Herrscher wie Leopold bedeutete dies eine doppelte Bedrohung. Spirituell drohte ihm die ewige Verdammnis, sollte er sterben, ohne Absolution erhalten zu haben. Politisch konnte die Exkommunikation seine Untertanen von ihren Treueeiden entbinden und seine Feinde ermutigen, gegen einen "gottlosen" Fürsten zu rebellieren. Priester konnten den Gottesdienst einstellen, Klöster ihre Unterstützung entziehen, und im schlimmsten Fall mochten sogar loyale Vasallen beginnen, an der Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft zu zweifeln.
Doch Leopold vertraute auf mächtigere Verbündete als Rom. Kaiser Heinrich VI. stand fest an seiner Seite, und das Heilige Römische Reich war stärker als die päpstlichen Bannbullen. Was Rom mit geistlichen Waffen bedrohte, konnte weltliche Macht durchaus parieren, wenn man die richtigen Männer dafür hatte.

Nur wenige Tage nach Leopolds Empfang der päpstlichen Bulle war Franziskus bereits unterwegs. Die Herbstnebel hingen noch über der Donau, als er ein schnelles Pferd sattelte, unterwegs würde er öfter die Pferde wechseln müssen, denn was Leopold von ihm verlangte, duldete keine Verzögerung.
Die Route führte zunächst über die alten Römerstraßen durch die Ostalpen. Von Wien aus ritt er über Melk donauaufwärts, dann südwärts über Salzburg und Innsbruck. Der Brenner-Pass lag bereits unter dem ersten Schnee, doch Franziskus kannte sich aus in den Bergen. Nach acht Tagen erreichte er Verona, wo er in einer Pilgerherberge Rast machte.
Die Straßen wurden besser, je weiter südlich er kam. Über Mantua und Modena folgte er der Via Francigena, jener uralten Pilgerstraße, die seit Jahrhunderten Reisende aus dem Norden nach Rom führte. In Lucca machte er einen Tag Halt, um seine Vorräte aufzufüllen.
Die toskanischen Hügel leuchteten golden im Herbstlicht, als er über San Gimignano nach Siena ritt. Dort hörte er zum ersten Mal das Gerücht, Papst Coelestin sei schwer erkrankt. In Viterbo, der letzten großen Station vor Rom, badete er in den heißen Quellen und ließ sich von einem Barbier den Bart stutzen. Ein Gesandter Leopolds sollte würdevoll aussehen, wenn er vor die Kurie trat.
Nach sechsundvierzig Tagen im Sattel erblickte Franziskus am 28. November 1193 endlich die Türme der Ewigen Stadt. Die Mauern Roms ragten mächtig vor ihm auf, und dahinter glitzerten die Kuppeln und Campanili in der Nachmittagssonne.

Der Vatikan war ein Gewirr aus Kapellen, Verwaltungsgebäuden und Kardinalspalästen. Franziskus hatte sich als Gesandter Herzog Leopolds angemeldet, doch die päpstliche Bürokratie ließ ihn drei Tage warten, bis er endlich vorgelassen wurde, doch nicht der Papst selbst, der angeblich unpäßlich war, sondern einer seiner engsten Berater empfing ihn.

Kardinal Lotario dei Conti di Segni war ein Mann von kaum dreißig Jahren, doch seine Augen verrieten eine Klugheit, die über sein Alter hinausreichte. Er empfing den österreichischen Gesandten in seinem privaten Studierzimmer, wo sich Pergamentrollen und Kodizes auf schweren Tischen stapelten. Kerzen warfen ein warmes Licht auf die Fresken an den Wänden.

"Ihr kommt im Auftrag Herzog Leopolds," sagte Lotario, ohne Umschweife zur Sache kommend. "Ein interessanter Mann, Euer Herzog. Geschickt genug, Richard Löwenherz zu überlisten, aber nicht weise genug, die Konsequenzen zu bedenken."
Franziskus erwiderte den prüfenden Blick. "Mein Herr handelte im Auftrag des Kaisers. Das Lösegeld floss nach Deutschland."
"Natürlich," lächelte Lotario dünn. "Doch gefangen hat Leopold den englischen König. Und nun muss er die Strafe tragen." Er erhob sich und trat ans Fenster. "Was schlägt Euer Herzog vor?"
"Eine Spende an die Kirche," antwortete Franziskus direkt. "Und ein Kreuzzugsgelübde. Leopold ist bereit, ins Heilige Land zu ziehen."
Lotario wandte sich um. "Das ist nicht unvernünftig. Aber es wird ein wenig Zeit brauchen, bis Rom zufrieden ist." Er musterte den dunklen Ritter erneut. "Ihr selbst interessiert mich mehr. Man nennt Euch den 'Unheiligen Franziskus', wie ich höre. Ein merkwürdiger Beiname für einen Mann, der in diplomatischen Angelegenheiten reist."
Franziskus zuckte mit den Schultern. "Die Menschen geben einem die Namen, die sie für passend halten."
"Und was haltet Ihr für passend?"
"Die Wahrheit." antwortete Franziskus ohne Umschweife.
Lotario lachte auf – das erste echte Lachen seit Franziskus' Ankunft. "Die Wahrheit! In Rom eine seltene Tugend." Er kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. "Bleibt einige Tage. Lasst uns sprechen. Ich glaube, wir könnten einander verstehen."
So begann eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem ehrgeizigen Kardinal und dem wortkargen Ritter aus dem fernen Österreich. In den folgenden Tagen unterhielten sie sich über Politik und Theologie, über die Macht der Kirche und die Pflichten der Herrscher. Lotario erkannte in Franziskus einen Mann von scharfem Verstand, der die Spielregeln der Macht verstand. Franziskus wiederum sah in dem jungen Kardinal einen zukünftigen Papst – einen Mann, dessen Freundschaft von unschätzbarem Wert sein konnte.
Als Franziskus schließlich Rom verließ, trug er nicht nur die Zusage mit sich, dass Leopolds Bußangebot wohlwollend geprüft werden würde. Er hatte auch das Versprechen eines Mannes gewonnen, der eines Tages auf dem Stuhl Petri sitzen würde – und sich an seine Freunde erinnern würde.