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DAS LETZTE TURNIER

Das letzte Turnier

Der Winter des Jahres 1194 hatte Graz in ein Kleid aus Frost und Schnee gehüllt, als Herzog Leopold V. sein letztes Turnier abhielt. Es war ein Fest zu Ehren der Weihnachtszeit, ein Spektakel, das die Ritter der Steiermark und Österreichs zusammenbrachte. Auf dem Turnierplatz vor den Mauern der Burg wehten die Banner im kalten Wind, und das Schnauben der Kriegsrossen dampfte in der klaren Luft.
Leopold, inzwischen siebenunddreißig Jahre alt, war noch immer ein gewandter Reiter und geschickter Kämpfer. Doch in diesem Winter lastete mehr auf seinen Schultern als nur die Rüstung, die Exkommunikation nagte an seiner Seele wie ein schleichendes Gift. Der Bannfluch des Papstes war mehr als nur eine politische Waffe; er bedrohte die Errettung seiner Seele für alle Ewigkeit.
An diesem verhängnisvollen Tag ritt Leopold gegen einen jungen Ritter aus der Steiermark, einen unbedeutenden Gegner, dem er normalerweise ohne Mühe gewachsen gewesen wäre. Doch das Schicksal war an diesem Tag grausam. In dem Moment, als die Lanzen aufeinandertrafen, scheute Leopolds Pferd vor einem lauten Ruf aus der Zuschauermenge. Das edle Tier stolperte, verlor das Gleichgewicht und stürzte seitlich zu Boden.
Das Gewicht des schweren Schlachtrosses traf Leopolds rechten Fuß mit vernichtender Wucht. Der Knochen zersplitterte hörbar, und aus der zerquetschten Gliedmaße quoll Blut in den Schnee.
Als die Männer das Pferd mit vereinten Kräften zur Seite wälzten, bot sich ein schrecklicher Anblick. Leopolds Fuß war zermalmt, die Knochen ragten wie weiße Splitter hervor. Die herbeigerufenen Wundärzte schüttelten die Köpfe. Die Gliedmaße war nicht mehr zu retten.
"Wir müssen das Bein abnehmen," sagte der erfahrenste unter ihnen mit zittriger Stimme. "Sonst werdet Ihr an der Fäulnis sterben."
Doch keiner der Ärzte wagte es, Hand an den Herzog zu legen. Die Amputation einer fürstlichen Gliedmaße, wer würde die Verantwortung dafür übernehmen, sollte Leopold dabei sterben?
In seiner Verzweiflung und seinen Schmerzen fasste Leopold einen Entschluss, der seine ganze Charakterstärke offenbarte. Sein Blick fiel auf Franziskus, der schweigend neben seinem Lager stand. "Franziskus," flüsterte er mit schwacher Stimme, "du warst immer mein treuester Freund. Ich kann das nicht von einem Fremden verlangen. Du musst es tun."
Franziskus erstarrte, das Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Doch er sah die Qual in Leopolds Augen, sah das Vertrauen, das sein Herr in ihn setzte. Wortlos griff er nach der scharfen Axt, die man brachte.
"Vergib mir, mein Freund," murmelte er, und mit drei gezielten, kraftvollen Schlägen trennte er das Bein oberhalb des Knies ab. Leopold, der während der grausamen Prozedur keinen Laut von sich gab, sank danach bewusstlos zusammen. Franziskus aber warf die blutige Axt von sich und konnte sich der Tränen nicht erwehren.

In den Tagen nach der Amputation brannte das Fieber in Leopolds Adern. Er lag in der herzoglichen Burg zu Graz und wusste, dass der Tod nahte. Die Wunde eiterte, der Gestank der Fäulnis erfüllte die Kammer, und seine Haut nahm eine gelbliche Farbe an.
Leopold ließ den Pfarrer von Hartberg zu sich kommen, einem schlichten Landgeistlichen, dem er sein Gelübde ablegte: Falls Gott ihm die Genesung schenken würde, so versprach er, werde er sich vollständig den Bedingungen des Papstes unterwerfen.
Doch als die Tage vergingen und sein Zustand sich verschlechterte, ließ Leopold Erzbischof Adalbert III. von Salzburg rufen. Dieser ehrwürdige Kirchenfürst war eine der mächtigsten geistlichen Gestalten des Reiches, ein Mann, der das Vertrauen Roms genoss und die Autorität besaß, die Exkommunikation aufzuheben.
Adalbert eilte durch den Dezemberschnee nach Graz und fand dort einen gebrochenen Mann vor. Leopold, einst stolz und ungebeugt, lag bleich und fiebrig in seinem Bett und rang um jeden Atemzug.
"Euer Gnaden," sprach der Erzbischof mit ernster Stimme, "Ihr habt schwer gesündigt gegen die Kirche. Seid Ihr bereit, wahre Reue zu zeigen?"
Leopold nickte schwach. Mit matter Stimme gelobte er, alles zu tun, was Rom von ihm verlangte: die Rückgabe der noch verbliebenen 4.000 Mark des Lösegeldes, die Freilassung aller englischen Geiseln, Rechenschaft über die verwendeten Gelder. Seinen ältesten Sohn Friedrich stellte er als Bürgen für die Erfüllung dieser Versprechen.
Am Morgen des 31. Dezember, als das Jahr 1194 seinem Ende zuging, hob Erzbischof Adalbert den Bannfluch auf. "Im Namen des Allmächtigen und kraft der mir übertragenen Vollmacht spreche ich Euch von der Exkommunikation los," sprach er über den sterbenden Herzog. "Möge Gott Eurer Seele gnädig sein."
Am Abend desselben Tages, während draußen bereits die Glocken das neue Jahr einläuteten, hauchte Leopold V. sein Leben aus.

Drei Tage nach Leopolds Tod bewegte sich ein feierlicher Zug durch die verschneite Landschaft Niederösterreichs. Der Sarg des Herzogs, getragen von seinen treuesten Rittern, nahm den Weg zur Abtei Heiligenkreuz, jener heiligen Stätte, die sein Urgroßvater Leopold III. einst gegründet hatte.
In der romanischen Basilica der Abtei versammelten sich die Großen des Reiches um den Sarg ihres toten Herren. Die Zisterziensermönche sangen die Totenmesse, ihre Stimmen hallten unter den gewaltigen Gewölben wider. Weihrauch stieg zum Himmel auf, und das Licht der hundert Kerzen warf flackernde Schatten auf die steinernen Säulen.
Franziskus von Wolfstein stand am Sarg seines langjährigen Herrn und Freundes. Sein Gesicht war eine steinerne Maske, doch wer genau hinblickte, konnte die Trauer in seinen dunklen Augen erkennen. Nachdem Abt Gottfried die letzten Worte gesprochen hatte, trat er vor und legte seine Hand auf den Sargdeckel.
"Ein Freund liebt allezeit," sagte er mit rauer Stimme, so dass es durch die ganze Kirche hallte, "und ein Bruder wird für die Not geboren."
Diese Worte, die dem Buch der Sprüche entstammten, fassten zusammen, was Franziskus für Leopold empfunden hatte: mehr als Vasallentreue, mehr als Dienst, eine Freundschaft, die im Kampf geschmiedet und in der Not bewährt worden war.
Der Sarg wurde in das Kapitelhaus der Abtei überführt, wo er neben anderen Fürsten aus dem Hause Babenberg seine letzte Ruhe fand. Die Steinplatte, die sein Grab bedeckte, trug nur wenige Worte: "Leopold V., der Tugendhafte, Herzog von Österreich und Steiermark, gestorben im Jahr des Herrn 1194."
An jenem Tag der Bestattung war die Exkommunikation bereits aufgehoben. Der Herzog, der im Bann gestorben war, wurde als Christ begraben – ein letzter Akt der Gnade, der ihm die Hoffnung auf das ewige Leben zurückgab.
So endete das Leben eines Mannes, der im heiligen Land gekämpft, einen König gefangen genommen und mit dem Gold der Engländer Städte und Münzstätten gegründet hatte. Leopold V., der Tugendhafte, war nicht als Heiliger gestorben, sondern als reuiger Sünder – und manchmal ist das der wahrere Weg zu Gott.