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DER LÖWE WIRD GEFANGEN

Der Rückweg Richards aus dem Heiligen Land führte ihn, wie so viele Kreuzfahrer, nicht über das Meer, sondern über verschlungene Straßen durch das Herz Europas. Die venezianischen und pisanischen Häfen, also schlug er den Weg über Dalmatien, Kärnten und weiter nach Österreich ein. Der König reiste incognito, in schlichter Gewandung, und doch war es schwer, seine wahre Gestalt ganz zu verbergen.

In einer Schenke vor den Toren Wiens, in Erdberg, kehrte er mit kleinem Gefolge ein. Es war recht kalt an diesem späten Nachmittag, und der englische König stand am offenen Feuer, rieb sich die Hände und streckte die Finger in die Wärme. Da blitzte etwas im Feuerschein: ein Ring, schwer und reich gearbeitet, das königliche Wappen eingraviert. Das sah ein aufmerksamer Gast, einer der vielen Spitzel, die Franziskus entlang der vermuteten Route postiert hatte. Rasch verließ der Mann das Wirtshaus, und zwei Stunden später war der „Dunkle“ selbst mit einer Handvoll seiner Getreuen zur Stelle.

Sie stiegen in einem Wäldchen unweit der Schenke von den Pferden, ließen die Tiere im Schatten stehen, und verteilten sich wie unsichtbare Schatten um das Gebäude. Franziskus zog die Kapuze seines dunklen Umhangs tiefer ins Gesicht und trat durch die niedrige Tür ein. Der Wirt begrüßte ihn freundlich, doch die englischen Gäste schenkten ihm keine Beachtung, sie waren beschäftigt mit den saftigen Stelzen und dem böhmischen Bier.

Franziskus schritt leise, fast unhörbar über die Dielen. Dann stand er direkt hinter Richard. Ganz beiläufig, beinahe im Plauderton, sagte er: „Hoheit, habt Ihr die Beute aus Akkon mitgebracht?“

Richard fuhr herum, die Augen erweitet, und in derselben Sekunde spürte er die kalte Spitze eines langen Dolches an seiner Kehle.
Im selben Augenblick traten nun aus den dunklen Ecken des Lokals die Männer des Franziskus hervor. Armbrüste, Schwerter, Klingen blitzten im Feuerlicht, alle auf die kleine englische Gefolgschaft gerichtet. Richard begriff sofort, dass jeder Widerstand zwecklos war. Seine Männer ließen die Hände sinken, die Waffen klirrten zu Boden.

Nun wurde der König gefesselt, hinausgeführt und auf ein Pferd gebunden. Der Ritt nach Wien war kurz. Schon bald schritt Franziskus mit seinem "Gast" in die Halle des Babenberger Hofes.

Dort empfing ihn Herzog Leopold V. mit einem breiten, zufriedenen Lächeln. Er trat dem englischen König entgegen, breitete die Arme aus wie zu einer Umarmung und sprach mit seidenweicher Stimme: „Richard, welch eine Ehre, wir haben heute gar nicht mit Eurem Besuch gerechnet, daher können wir auch leider nur eine kleine Kammer für diese Nacht anbieten.“

Der König wurde abgeführt, und die schweren Riegel schlossen sich hinter ihm.
Im Festsaal des Babenberger Hofes öffneten Leopold und Franziskus eine Flasche.
"Das, mein Freund, ist der beste Weisswein, den wir haben" sagte Leopold zufrieden.
"Ich weiss," erwiderte Franziskus, "ich komme aus der Gegend".

Und bald würde sich auch ihr "Gast" Richard Plantagenet, genannt Löwenherz, an dieser wunderschönen Landschaft an der Donau erfreuen dürfen, allerdings durch das Fenster seines Kerkers.

In den kalten Wintertagen des Jahres 1192 ritt der Tross mit dem Gefangenen donauaufwärts in die Wachau, wo sich die Mauern der Burg Dürnstein über dem Donaustrom erhoben. Hier, in der Burg des treuen Ministerialen Hadmar II von Kuenring, dem leiblichen Vater des Franziskus, sollte die wertvolle Geisel verwahrt werden.

Dürnstein war kein finsterer Kerker. Richard erhielt einen großen Raum, geheizt von einem Kamin, ausgestattet mit einem bequemen Bett und Wandteppichen, die die Kälte mildern sollten. Ein breites Fenster öffnete den Blick auf die Donau, deren Wasser in der Wintersonne wie Silber glänzte. Das Fenster konnte mit schweren Holzläden verschlossen werden, aber das war nur eine Maßnahme gegen die Kälte, Gitter brauchte es auch nicht, denn der Sprung in die Tiefe hätte den sicheren Tod bedeutet. So saß der König an langen Abenden und schaute hinaus in die Weite, in ein Land, das er nie hatte betreten sollen, und dessen Herrscher er besser nicht beleidigt hätte.

Nach einigen Wochen, als die politischen Wogen höher schlugen, überstellte Leopold seinen kostbaren Gefangenen weiter. Heinrich VI., der junge Kaiser, Sohn Barbarossas, verlangte Richards Anwesenheit am eigenen Hof. Von Dürnstein führte der Weg daher über Süddeutschland, schließlich zur Burg Trifels, die als Reichsburg geeignet war, solch prominente Geiseln aufzunehmen. Später wurde Richard sogar nach Speyer gebracht, wo er zeitweise unter den Augen des Reiches stand, mehr Symbol für die Macht des Kaisers als bloß ein Gefangener.

Die Gefangennahme des englischen Königs erschütterte Europa. Es war nicht irgendein Lösegeld, das gefordert wurde, sondern eine immense Summe: 150.000 Mark Silber – eine Last, die zwei- bis dreimal den Jahreseinnahmen der englischen Krone entsprach. England musste seine Kirchen und Klöster plündern, Adlige und Bauern gleichermaßen auspressen, um diese astronomische Summe aufzubringen.

In dieser heiklen Phase trat ein Mann ins Licht, der sonst im Hintergrund gewirkt hatte: Wolfger von Erla, Bischof von Passau. Er war nicht nur ein Kirchenmann, sondern auch ein geschickter Vermittler, der Vertrauen auf beiden Seiten genoss. Zwischen Wien, Passau und den kaiserlichen Höfen führte er die Gespräche, die den Rahmen für den Austausch von Gefangenschaft und Silber legten.

Und mitten in diesen diplomatischen Netzen bewegte sich auch Franziskus von Wolfstein. Als treuer Gefolgsmann Leopolds, der sich in Akkon bereits bewährt hatte, wurde er nun Kurier und Verbindungsmann. Er überbrachte die Forderungen nach England, ritt durch halb Europa mit Depeschen, wechselte zwischen dem Hof des Kaisers, den Lagern der englischen Gesandten und den Beratungen Wolfgers. Der „dunkle Ritter“, bisher gefürchtet als Kämpfer, lernte das Spiel der Diplomatie, mit Briefen statt mit Schwertern, mit Versprechungen statt mit Hieben.

Das Lösegeld floss schließlich, in unzähligen Truhen voller Silber. Es belastete England schwer, doch es sicherte die Freilassung seines Königs. Für Herzog Leopold bedeutete dieser Schatz eine beispiellose Chance. Mit den Geldern erweiterte er sein Reich: Die Steiermark fiel nun endgültig an die Babenberger, ein Erbe, das durch die Georgenberger Handfeste bereits vorbereitet war. Er ließ im Süden Wiener Neustadt gründen, eine mächtige Festung und Handelsstadt zugleich, die das Tor gegen Ungarn sichern sollte, und er förderte die Prägung eigener Münzen, ein Akt souveräner Macht, der das Ansehen des Herzogtums hob und zum Grundstein der späteren "Münze Österreich" wurde.

Auch Franziskus bekam eine Anteil, in klingender Münze belohnte Leopold den Waffengefährten, den Freund, der ihm immer zur Seite gestanden hatte, er ernannte ihn zum Marschall von Österreich, einem der höchsten Ämter am herzoglichen Hof, und übertrug ihm zugleich die gesamte Herrschaft über den Dunkelsteiner Wald als erbliches Lehen. Aus dem einstigen Bastard, dem unehelichen Sohn eines Kuenringers, war nun ein Grenzherr von Rang geworden, dessen Stimme bei Hofe Gewicht hatte und dessen Name Achtung gebot.

Und mehr noch: Leopold gestattete ihm, das Wappen seines Großvaters, des alten Perchtold von Achswald, zu führen die Axt, die den Boden bestellt. Ein uraltes Zeichen des Geschlechts der Achswalder aus Tirol, das zugleich von Arbeit, von Wehrhaftigkeit und von Treue sprach, wurde zum Sinnbild der Gegend, man sprach fürderhin von diesem Teil des Dunkesteiner Waldes rund um Burg Wolfstein als "Achswald" später "Aggswald" mit der Burg Aggstein.

Von diesem Tage an war der „dunkle Franziskus“ nicht länger nur der schweigsame Schatten, der Leibwächter, er war nun ein Ministerial mit eigenem Lehen, ein Marschall des Landes, ein anerkannter Vertreter der Babenberger, dessen Rang in Österreich unangefochten war.
Franziskus kehrte als reicher Mann auf seine Burg Wolfstein zurück, und als politischer Akteur, der sich im Spiel der Fürsten einen Namen gemacht hatte.

Als Franziskus nun nach langer Reise im Dienste des Herzogs endlich wieder die vertrauten stark bewaldeten Hügel seiner Heimat erreichte, trug er nicht nur Reichtum und neuen Rang mit sich, sondern auch eine tiefe Sehnsucht: die Sehnsucht nach Agnes. Er stellte sich vor, wie sie ihm entgegenkäme, auf der hölzernen Treppe zum Burghof, mit jenem Lächeln, das ihm stets die Last von Schultern und Herz genommen hatte.

Doch im Hof von Wolfstein herrschte eine ungewohnte Stille, und statt der geliebten Stimme empfing ihn nur ein gefaltetes Pergament das auf dem schweren Tisch im Rittersaal lag. Agnes’ Schrift, zierlich und klar, formten die Botschaft, den Abschied.

Sie dankte ihm für die gemeinsame Zeit, für Zuneigung und Schutz, doch sie gestand, dass sie sich hier, zwischen den rauen Felsen und dunklen Wäldern, fremd fühlte. Ihr Herz zog sie zurück nach Konstantinopel, in die Stadt, die sie geprägt hatte, in den Glanz des Kaiserhofes. „Bitte suche mich nicht“, schrieb sie, „denn unseren gemeinsamen Weg sind wir bereits gegangen, ich will mich nicht mehr verstecken müssen und als Deine Ehefrau wolltest Du mich offenbar nicht“

Franziskus ließ den Brief sinken. In ihm regte sich kein Zorn, nur tiefe Traurigkeit. Er verstand, wie konnte er auch nicht? Eine Frau wie Agnes war nicht geboren, um zwischen den Mauern einer einsamen Burg zu versauern. Ihr Schicksal lag in einer größeren Welt, die Pflichten und Zwänge seines eigenen Schicksals hatten ihn immer wieder über längere Zeit von ihr ferngehalten, nun war das zarte Band der Liebe zerrissen, und Franziskus saß allein vor dem Kamin im Rittersaal. Er griff zur Kanne, goss sich Becher um Becher ein, und trank, bis der Wein den Schmerz zumindest ein wenig betäubte. Das Feuer warf flackernde Schatten über die Wände, erinnerte ihn an brennende Gebäude, und das Rauschen des Windes um die Mauern von Wolfstein klang wie die Wellen in der Bucht von Akkon.