BEi DEN KUENRINGERN
Bei den Kuenringern
Einige Zeit später fand sich Franziskus inmitten der hügeligen Landschaft des Waldviertels wieder. Den Dunkelsteinerwald mußte er verlassen, seine neue Heimat war nun die Burg Kühnring.
Albero III, der Kuenringer, hatte das Lehen über den Dunkelsteinerwald übernommen und Franziskus zu sich geholt. Der alte Albero war ein Mann von starker Persönlichkeit, geprägt von Jahren der Herrschaft und Kriegsführung, dennoch besaß er ein weiches Herz und hatte auch ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Jungen, wissend, das dieser sein eigen Fleisch und Blut war, der Sohn seines Sohnes Hadmar, dem er damals untersagt hatte, die schöne Elise von Wolfstein jemals wieder zu sehen.
Hadmar wußte nichts davon, er sah in Franziskus nur den Abkömmling von Elise, den sie wohl von einem anderen Mann empfangen hatte, in seinem Unterbewusstsein quälte ihn die Eifersucht, dass ein anderer seine geliebte Elise geschwängert hatte, seine Wut und seinen Zorn darüber ließ er an dem Kind aus.
Seine herablassende Art und die unnötige Härte gegenüber Franziskus führten zu einer gespannten Beziehung zwischen den beiden, aber anstatt daran zu zerbrechen, reagierte der Junge widerwillig und trotzig. Die Erinnerung an seinen Großvater, der ihm Furchtlosigkeit und Entschlossenheit gelehrt hatte, gab ihm die nötige Stärke, um über die ständigen Tiraden Hadmars hinwegzukommen.
Reiten konnte Franziskus schon, doch hier bei den Kuenringern musste er die Pferde auch versorgen, und die Stallungen ausmisten, er musste jeden Tag hart arbeiten, wurde wortkarg und in sich gekehrt.
Hadmar konnte grausam sein, und die Strenge seiner Ausbildung verlangte von Franziskus alles ab. Doch anstatt sich zu beugen, wurde er hart im Nehmen, seine Ausdauer war bewundernswert, und erfüllte jede Aufgabe, die man ihm auferlegte. Doch man spürte die Finsternis in seiner Seele, er lachte nie und eine dunkle Aura umgab ihn wie ein Schleier.
In dieser Zeit erhielt Franziskus den Beinamen "der Dunkle". Der Name reflektierte nicht nur seine Herkunft aus dem Dunkelsteinerwald, sondern auch sein Äußeres: Seine Haare waren tiefschwarz wie die Nacht, und trotz der stahlblauen Augen trug sein Blick eine schwere Melancholie, dahinter verbarg sich jedoch ein starkes Herz und ein unbeugsamer Wille.
Fast jeden Tag musste er den Schwertkampf üben, und obwohl dabei Holzschwerter benutzt wurden, fügten Hadmars Treffer dem jungen Mann dennoch spürbaren Schmerz zu. Immer wieder schleuderte der kräftige Hadmar ihn auf den Boden, doch unbeirrt erhob sich Franziskus jedes Mal, stellte sich tapfer dem aussichtslosen Kampf.
Vom Söller der Burg aus beobachtete Albero die beiden, seine Miene verriet Unbehagen angesichts der Härte, die Hadmar gegenüber dem Jungen an den Tag legte. Mit lauter Stimme rief er seinem Sohn zu, er solle nicht allzu grob mit Franziskus umgehen.
Diese Ermahnung brachte Hadmar noch mehr in Rage. Seine Augen funkelten vor Zorn, und er schnappte sich den Buben in einem heftigen Würgegriff mit dem Unterarm, Franziskus bekam keine Luft mehr und drohte zu ersticken.
Albero erkannte, dass Hadmar jegliche Beherrschung verloren hatte, er eilte die Treppe hinab auf den Burghof und befreite den jungen Franziskus gerade noch rechtzeitig aus der tödlichen Umklammerung. Der Junge schnappte nach Luft, aber hielt sich auf den Beinen.
"Du hättest ihn beinahe umgebracht " keuchte der alte Albero. "Du Idiot, beinahe hättest Du in umgebracht, Deinen eigenen Sohn. Ja, er ist Dein Sohn, Du warst der Einzige, den Elise je geliebt hat, und ich hab euer Glück verhindert !"
Die Worte hallten von den Wänden des Hofes wider und trafen Hadmar wie ein Schlag ins Gesicht. Erst starrte er seinen Vater Albero an, dann blickte er ungläubig in die Augen des jungen Franziskus, dort sah er die gleiche Verwirrung und das Erstaunen, welches ihn selbst bewegte.
"Verzeih mir, Hadmar," seufzte Albero, er nahm den Jungen bei den Schultern und ging mit ihm weg, doch während sie sich entfernten, blieben die Augen des Franziskus an Hadmar hängen: dieser Mann, sein Peiniger, sollte sein leiblicher Vater sein ?
Das Verhältnis von Hadmar zu Franziskus verbesserte sich zusehends, nun, da er wusste, dass dieser Junge sein Sohn war, empfand Hadmar ihm gegenüber ganz anders, hatte ihn vorher die grundlose Eifersucht auf einen Mann zerfressen, den es gar nicht gab, so begann nun ein zartes Pflänzchen der Zuneigung in ihm zu keimen, er entwickelte sogar so etwas wie Stolz auf seinen Sohn. Für diesen war es schwerer, eine normale Beziehung zu seinem Vater aufzubauen, zu viele seelische und körperlichen Schmerzen hatte ihm dieser zugefügt, Franziskus blieb wortkarg und verschlossen.
So wurde er weiterhin von Hadmar unterrichtet, dabei entwickelte Franziskus die Angewohnheit, sein goldenes Kreuz vor jedem Kampf abzunehmen und um den Schwertgriff zu binden, ähnlich wie sein Großvater dies immer getan hatte, und als Heinrich II. Jasomirgott die Festung der Kuenriger besuchte, erkannte er Franziskus an dem goldenen Kreuz.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, während er über den Burghof schritt, nachdem er einige Worte mit Albero, dem Oberhaupt der Kuenringer gesprochen hatte, wandte er sich dem Jungen zu.
"Du bist Franziskus" sagte er, "ich kannte deinen Großvater, er war ein tapferer Mann."
"Das war er, Euer Gnaden" antwortete Franziskus vorsichtig.
"Dieses goldene Kreuz habe ich ihm damals bei deiner Geburt gegeben, sowie ein Versprechen",
Heinrich drehte sich zu den umherstehenden Menschen um, die aufmerksam zuhörten,
"Ja, ich gab ihm ein Versprechen, das ich nun einhalten werde", tönte er mit lauter Stimme, und wieder zu Franziskus gewandt sprach er: "Du kommst mit mir, junger Mann, ich werde mich fortan um dich kümmern."
Damit begann für Franziskus ein neuer Lebensabschnitt, eine aufregende Reise in eine unbekannte Welt.