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AUSBILDUNG

Zu Beginn des Jahres 1172 herrschte in Wien geschäftiges Treiben, auch wenn der Fernhandel in den Wintermonaten ruhiger verlief und die Kähne auf der Donau seltener wurden.

In den Gassen zwischen Stephansplatz und Pfalz drängten sich Handwerker, Händler und Boten des Hofes, während in den Schreibstuben der herzoglichen Verwaltung das Pergament für Urkunden, Briefe und Registerbogen in rascher Folge zugeschnitten und beschrieben wurde.

Pergament war zu dieser Zeit kostbar. Es wurde aus der sorgfältig geglätteten Haut von Kälbern oder Schafen gefertigt, und jedes Blatt war das Ergebnis vieler Stunden Arbeit. Ein einziges Fell lieferte nur wenige große Bogen, und jeder davon entsprach im Wert dem Lohn mehrerer Tage eines Handwerkers. Für flüchtige Notizen benutzte man daher Wachstafeln – Pergament blieb den Dokumenten vorbehalten, die Jahrhunderte überdauern sollten.

Für Franziskus und Leopold begann nun eine andere Art des Kampfes – nicht mit Schwert und Schild, sondern mit Tinte und Feder. Heinrich hatte bestimmt, dass die beiden Knaben ihre Ausbildung zunächst bei den „Schotten“ beginnen sollten, jenen Benediktinermönchen, die zwar im Volksmund als Schotten galten, in Wahrheit aber aus Irland stammten.

Der Weg dorthin führte sie regelmäßig hinaus zum westlichen Tor der Stadt. Hinter der Palisade öffnete sich ein weniger dicht bebauter Streifen mit Gärten, kleinen Höfen und vereinzelten Handwerkerhütten. Ein schmaler, unbefestigter Weg schlängelte sich zum Kloster hinauf, dessen eigene Mauern es wie eine kleine Festung umgaben.

Innerhalb dieser Mauern herrschte eine eigentümliche Mischung aus strenger klösterlicher Ordnung und einer stillen Herzlichkeit, die Franziskus rasch zu schätzen wusste. Die Mönche, wettergegerbt von Reisen und entbehrungsreichem Leben, sprachen mit sanfter, melodischer Stimme und hatten ein waches Auge für die Eigenheiten ihrer Schüler.

Der Unterricht war nicht streng nach Regeln geordnet, aber keineswegs leicht. Neben der geistlichen Unterweisung in Lesung, Psalmenpflege und Kirchengesang lehrten sie die Knaben, sich in der Welt zurechtzufinden: die Kunst der Vermessung, einfache Heilmethoden, den Umgang mit Kräutern und die sichere Orientierung im Gelände. Manchmal verbanden sie das mit langen Märschen ins Umland, bei denen es galt, Flüsse zu überqueren, Wegzeichen zu lesen oder das Lagerfeuer mit nassem Holz zu entfachen.

Franziskus fühlte sich in dieser Gemeinschaft wohler als unter den Hofschranzen. Die Mönche erkannten seine wache Beobachtungsgabe und nahmen seine Schweigsamkeit nicht als Mangel, sondern als Zeichen innerer Stärke.

Unter den Brüdern des Schottenstifts gab es einen, der so gar nicht dem strengen Bild eines mageren Asketen entsprach. Bruder Laurentius, ein untersetzter Mann mit roter Nase, von feinen Adern durchzogen, und Augen, die im Kerzenschein stets einen feuchten Glanz trugen, war für seine leise Stimme und seinen schiefen Humor bekannt. Er mochte kräftige Mahlzeiten, launige Geschichten – und, wie er den beiden Knaben eines Tages anvertraute, „die wahre Kunst der Erlösung vom Grobstofflichen: das Aqua Vitae, das Wasser des Lebens.“

Er winkte Franziskus und Leopold eines Nachmittags in ein abgelegenes Wirtschaftsgebäude, fernab vom Kreuzgang. Durch ein kleines Fenster fiel ein schmaler Lichtstrahl auf eine seltsame Ansammlung von Gegenständen: ein bauchiger Kessel aus Kupfer, mehrere Fässer, ein langer, glänzender Schlauch, der sich wie eine eingerollte Schlange in einem hölzernen Bottich wand. Daneben standen Krüge aus Ton, sorgfältig gereinigt und leer.

„Wir wollen etwas schaffen, das wärmer ist als jedes Feuer im Herd und klarer als jedes Wasser im Brunnen“, erklärte Laurentius mit einem Zwinkern. Die Zutaten holte er aus der Vorratskammer und dem Kräutergarten: süßer Honig, getrocknete Beeren, würzige Kräuter. Alles kam in den Kessel, den sie gemeinsam mit Holz befeuerten.

Die Tage vergingen mit Rühren, Abschöpfen und Warten. Laurentius sprach in Bildern, die mehr andeuteten als erklärten, und ließ die Knaben rätseln, wozu der gewundene Schlauch diente. „Alles, was schwer ist, bleibt zurück, alles, was rein und flüchtig ist, findet seinen Weg“, sagte er.

Während im Kessel die geheimnisvolle Verwandlung weiterging, riefen andere Pflichten die beiden Knaben an den Hof – und dieser stand in jenen Tagen ganz im Zeichen eines hohen Besuchs. Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern, war eingetroffen. Er war nicht nur ein Verwandter Heinrichs Jasomirgott durch Heiratsbande, sondern auch ein Rivale im feinen Spiel der Reichspolitik. Als Vetter Barbarossas und einer seiner einflussreichsten Vasallen herrschte er über Ländereien, deren Reichtum und Ausdehnung den Besitz des österreichischen Herzogs weit übertrafen.

Sein Tross füllte die Höfe und Gassen mit prunkvollen Pferden, schwerem Silbergeschirr und seidenen Bannern. Wo er erschien, sprach man von seinen Handelswegen bis an die Ostsee, von seinen Städten wie Braunschweig und Lübeck, von den Tributen, die aus fernen Ländern an ihn flossen. Er wusste um seine Macht – und ließ keinen Zweifel daran, dass er sie auch am Wiener Hof zu spüren geben konnte. Heinrich Jasomirgott empfing ihn mit höfischer Würde, doch das feine Spiel der Blicke, das knappe Messen der Worte verriet, dass hier zwei Männer einander gegenüberstanden, die einander brauchten, aber nicht vertrauten.

Für Leopold war der Besuch eine Lektion in Diplomatie: höfische Konversation, bei der jede Floskel doppelte Bedeutung hatte; das Einhalten von Rangfolgen bei Tisch; das geduldige Zuhören, wenn der Gast von seinen Erfolgen berichtete. Franziskus hielt sich im Hintergrund, wie es seine Rolle war, und registrierte jede Geste – den prüfenden Blick des Löwen, wenn er den Prinzen musterte, das leise Stirnrunzeln Heinrichs Jasomirgott, wenn sein Gast zu deutlich auf seine Macht anspielte.

Das Jahr 1173 begann ohne Paukenschlag, aber mit einem stillen Entschluss: Franziskus sollte mehr lernen als Reiten und Waffengang. Bruder Laurentius nahm ihn beiseite, ein untersetzter Mann mit roter Nase und feucht glänzenden Augen, der in den Gängen des Schottenstifts ebenso für seine leise Gelehrsamkeit wie für seine irdischen Neigungen bekannt war. „Zunge, Sinn und Blick“, sagte er, „das sind die drei Werkzeuge, mit denen ein Mann die Welt erobert.“ Damit begann ein Unterricht, der selten gleichförmig verlief und doch eine klare Linie hatte.

An den Vormittagen brachte Laurentius den beiden Knaben die Sprache der Insel bei. Er erklärte ihnen, dass der zukünftige Herrscher jenseits des Kanals französisch rede, aber seine Männer, Bogenschützen und Seeleute Englisch sprächen – und dass ein kluges Wort an der richtigen Stelle oft mehr vermöge als ein Hieb. Einfache Wendungen waren der Anfang, dann Lieder. Eines ließ Laurentius immer wieder anklingen, erst stockend, dann flüssig, bis Franziskus den Klang in Mund und Ohr trug:

In somer tyme, whan flouris spryng,
and smal foules mery syng,
I drynk myn cuppe, and laugh ful free,
for lyf is swete as eny tre.

Laurentius übersetzte knapp – Sommer, Blüten, singende Vögel, ein Becher, ein freies Lachen, das süße Leben – und ließ die Worte stehen wie Steine, die man beim Gehen mit der Fußsohle prüft. Franziskus gewöhnte sich an die harten Konsonanten, das tiefe u und die kurzen Vokale, und merkte, wie die Zunge ein neues Gewicht bekam.

Nach dem Mittagsgebet trug Laurentius ein flaches, kreisrundes Instrument in den Kreuzhof: ein Astrolabium. Das Messing war vom Gebrauch matt, die aufgeritzten Linien und Zahlen schimmern kaum. Er hängte es auf, lotrecht am Faden, und wies Franziskus an, die Sonne nicht anzustarren, sondern den Schatten zu lesen: „Höhe ist nichts als Winkel und Geduld.“ Sie probten Sternhöhen in der Dämmerung, bestimmten die Stunde aus dem Stand der Gestirne, legten an, verschoben, rechneten mit Kreide auf einer Wachstafel, bis die Bewegungen des Instruments zu einem stillen Gespräch wurden. Laurentius sprach wenig, zeigte viel.

Einmal, an einem jener klaren Abende, als über dem Hof der kalte Duft von nassem Stein hing, setzte sich Laurentius neben Franziskus auf die Stufe und erzählte von einem Gelehrten aus fernen Zeiten: Eratosthenes. „Zwei Städte,“ sagte er, „Alexandria und Syene. Am Tag der Sommersonnenwende steht in Syene die Sonne mittags so hoch, dass der Schatten im Brunnen verschwindet. In Alexandria aber fällt zur selben Stunde ein kleiner Schatten.“ Er zog mit dem Fingernagel eine dünne Linie auf die Wachstafel, malte zwei senkrechte Stäbe, legte das Astrolabium daneben.

„Wenn du den Winkel dieses Schattens misst – etwa ein Fünfzigstel des Vollkreises, rund 7 Grad – und du kennst die Entfernung zwischen den Städten, kannst du den Umfang der Erde finden. Ein Kreis hat 360 Teile; wenn 7 davon dem Abstand entsprechen, dann ist die ganze Erde fünfzigmal so groß wie diese Strecke.“
Franziskus runzelte die Stirn. „Und die Entfernung?“
„Karawanen, Tagesmärsche, Meilen. Unvollkommen, aber brauchbar. Es reicht, um zu wissen: Die Erde ist groß – und rund.“
„Auch die anderen?“
Laurentius schwieg einen Atemzug, dann nickte er fast unsichtbar. „Wer sauber misst und lange hinsieht, erkennt: Nicht nur die Erde ist eine Kugel. Die Wandelsterne ebenfalls. Sie ziehen nicht an einem gläsernen Gewölbe, sie laufen. Was wir Sphären nennen, sind Bahnen in einem weiten, dunklen Raum.“ Seine Stimme blieb ruhig; in seinem Blick lag die Mahnung, solche Sätze nicht jedem in den Mund zu legen.

Wenn die Nacht hereinbrach, führte Laurentius die Jungen auf den Klosterwall. Der Himmel über Wien war dunkler als heute; ein hartes, kaltes Glühen stand über den Dächern. Er zeigte den Zodiak, den ruhigen Gang der Fixsterne, das unruhige Ziehen der Planeten, die Rückläufigkeit, die den Leuten Kopfzerbrechen machte. „Nicht die Sterne springen,“ sagte er, „nur unser Standpunkt täuscht uns. Wenn Körper um Körper kreist, scheinen Wege zu stolpern.“

Eines Abends sprach er von der Sonnenfinsternis. Er nahm ein rundes Brot (die Sonne), setzte eine Tonschale (die Erde) und eine kleine runde Frucht (den Mond) auf die Stufe. „Sieh: Wenn die Schale hier steht und die Frucht genau dazwischen, fällt ein Schatten übers Brot – das ist die Finsternis. Steht die Frucht hier, hinter der Schale, verschwindet sie im Schatten – das ist die Mondfinsternis.“ Er ließ den „Mond“ langsam ziehen, bis ein leuchtender Bogen am „Sonnenbrot“ übrig blieb. „Manchmal ist es nur ein Biss, manchmal wird es dunkel wie kurz vor einem Gewitter. Kein Zeichen des Zorns, sondern Geometrie mit Geduld.“ Franziskus merkte sich den leuchtenden Halbbogen; das Bild bohrte sich in ihn wie eine Kerbe in Holz.

Zwischen all dem lagen die gewöhnlichen Pflichten: Wachstube, Botengänge zum Hof, das tägliche Lesen der Psalmen. Laurentius schob, wo er konnte, anderes dazwischen: Kräuter und ihre Säfte, die Kunst, Wärme zu leiten, Feuchtes von Trockenem zu scheiden; und an einem späten Nachmittag kehrten sie in das kleine Wirtschaftsgebäude zurück, wo der bauchige Kupferkessel noch stand. Das geheimnisvolle Werk war nun vollendet. Laurentius erklärte endlich, was bisher verschwiegen blieb: „Wir haben den vergorenen Sud erhitzt. Was leicht ist, steigt als Dampf auf und wandert durch diesen langen, spiralförmig gewundenen Schlauch. Im kalten Wasser des Bottichs kühlt er aus, tropft als klare Flüssigkeit herab. So wird das Aqua Vitae geboren: der Geist, getrennt vom Schweren.“ Er schenkte einen Fingerbreit in drei Becher. Es roch nach Honig und Kräutern, und es brannte, wie Feuer brennt, wenn es durch die Kehle zieht – hell und ohne Rauch.

So verging das Jahr – mit einem Lied im Mund, einem Messingkreis in der Hand, Zahlen auf Wachs, Schatten auf Stein – und der Ahnung, dass die Welt größer, runder und bewegter war, als die meisten auf den Gassen ahnten.
Doch so sehr Bruder Laurentius’ Unterweisungen seinen Geist schärften, so sehr verlangte es Franziskus nach dem rauen Spiel der Kräfte. Das leise Kratzen der Feder und das geduldige Messen mit dem Astrolabium waren für ihn nur eine Seite der Wirklichkeit. Die andere roch nach Schweiß und Leder, klang nach Holz auf Holz, Stahl auf Stahl.

Auf dem Hofplatz, zwischen dem Stalltor und der Mauer, trafen sich die Knappen und jungen Edelleute zur Waffenschule. Für Leopold war es Pflicht, für Franziskus Vergnügen. Schon nach den ersten Schlagwechseln lag der Prinz wieder einmal im Staub, während Franziskus, kaum außer Atem, den Stab lässig auf der Schulter trug. Sie begannen von Neuem – ein Ausfall, ein Block, eine Drehung – und wieder endete es gleich: Leopold am Boden, Franziskus über ihm, lächelnd, ohne Spott, aber mit der stillen Gewissheit, dass er hier der Stärkere war.

Eines Tages jedoch, als sie allein übten, beschloss Franziskus, seinem Freund und Gebieter etwas zu schenken, das wertvoller war als jedes höfische Lob: einen Trick, der den Gegner zu Fall brachte, selbst wenn dieser stärker war. „Warte nicht auf den Schlag“, sagte er knapp. „Geh hinein, bevor er ausholt.“ Er zeigte Leopold, wie man den Arm des Gegners seitlich packt, das Gewicht verlagert, mit dem Fuß hakt – und plötzlich liegt der andere auf dem Rücken, die Luft aus den Lungen gepresst.

„Jetzt das Messer“, wies er an. Aus der Bewegung heraus kniete er neben dem Gestürzten, setzte die Messerspitze leicht an dessen Kehle, nur so fest, dass Leopold das kalte Metall spürte. „Hier endet jeder Kampf“, sagte er ruhig. „Wenn du so weit kommst, brauchst du keinen zweiten Schlag.“

In den folgenden Tagen übten sie es wieder und wieder, bis Leopold den Griff flüssig beherrschte. Danach weitete Franziskus den Unterricht aus – alles, was er einst von Hadmar gelernt hatte, wurde geübt: der plötzliche Stoß mit der offenen Hand, der Tritt gegen das Knie, der gezielte Wurf mit Sand oder Staub, um die Sicht zu nehmen. Keine ritterlichen Formen, sondern Überlebenstricks, die in einem Hinterhalt den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachten.

Leopold schwieg über diesen Unterricht. Doch wer sie zusammen im Hof sah, bemerkte, dass der Prinz nun mit anderer Haltung kämpfte – nicht stärker vielleicht, aber gefährlicher, manchmal sah man ein Funkeln in seinem Blick wie in den Augen des dunklen Franziskus.