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AM HOF DES KÖNIGS VON UNGARN

Am Hof des Königs von Ungarn



Der Sommer des Jahres 1174 begann mit einer Einladung, die in Wien mehr als nur höflich aufgenommen wurde. Königs Béla III. von Ungarn, der neue Herrscher nach dem Tode seines Vaters Geza II, läßt wissen, we wolle das Bündnis zwischen den Familien festigen, denn die Ungarn waren einst Verbündeter wie auch gelegentlich Rivalen im Ringen um Macht und Einfluss in Mitteleuropa.

Zwischen den Häusern der Árpáden und der Babenberger spannte sich seit Generationen ein unsichtbares Netz aus Abmachungen, Eiden und unausgesprochenen Drohungen. Mal hatten Heiratsbündnisse das Gleichgewicht gesichert, mal waren Grenzstreitigkeiten wie ein Funken ins Pulverfass gefallen. In manchen Jahren standen sie Schulter an Schulter, um die Donau gegen Böhmen oder fremde Reiterhorden aus dem Osten zu schützen, in anderen Jahren blickten sie misstrauisch über dieselben Flussübergänge, die sie einst gemeinsam verteidigt hatten.

Unter Géza II., einem Herrscher mit sicherem Blick für Machtspiele, hatten sich die Verbindungen wieder gefestigt. Auch sein Sohn Bela wusste, dass ein Babenberger als Freund an der westlichen Grenze mehr wert war als eine Legion Soldaten. Die Babenberger wiederum erkannten, dass ein Bündnis mit Ungarn nicht nur militärische Sicherheit, sondern auch Zugang zu den reichen Handelswegen des Ostens bot.

Die Reise Leopolds nach Ungarn war also weit mehr als eine höfliche Visite eines jungen Prinzen – sie war ein stilles Schachspiel, das den künftigen Kurs zweier Reiche bestimmen konnte.

Leopold sollte diese diplomatische Reise nutzen, um sein politisches Gewicht zu erproben.
An seiner Seite ritt Franziskus, Bastard des gefürchteten Hadmar von Kuenring, als ständige Leibwache. Er war Leopolds Schatten, seine rechte Hand und sein schärfstes Schwert, stets in der Nähe, selbst wenn der Prinz schlief. Nach außen hin war er der Kämpfer und Exekutor seines Herrn, kein niedriger Diener, sondern ein geachteter Vasall, und zwischen den beiden hatte sich längst ein Band gebildet, das stärker war als Pflicht und Eid – eine brüderliche Verbundenheit, gewachsen in zahllosen Stunden des Waffengangs und gefahrvoller Situationen.

Der Babenberger und sein Gefolge wurden festlich empfangen
Ungarn galt damals als wohlhabend, und der Hof in Székesfehérvár war ein Schmelztiegel aus ungarischer Tradition, byzantinischer Pracht und westlicher Ritterkultur. Während der Babenbergerhof in Wien zwar geordnet und ehrbar war, jedoch noch eine gewisse Strenge und Schlichtheit ausstrahlte, glänzte Belas Hof in Farben, Stoffen und Klängen, die den beiden jungen Männern aus Wien fast den Atem raubten. Prunkvolle Wandteppiche aus Konstantinopel, filigrane Goldschmiedearbeiten aus dem Osten und reiche Bankette, deren Düfte die Luft füllten, prägten das Bild.

Am ersten Abend gab es ein Trinkgelage, doch am zweiten Abend nach ihrer Ankunft kam es zu jener Begegnung, die in den Erinnerungen der Beteiligten unauslöschlich bleiben sollte. Im großen Saal, in dessen Mitte Kerzenlicht über polierte Mosaikböden flackerte, traten König Bela´s Schwestern vor. Ilona, die ältere, strahlte in einem Kleid aus dunkelrotem Seidenbrokat, das wie flüssiges Feuer im Kerzenschein schimmerte. Ab dem Moment, als Leopold sie erblickte, schien es, als existierte für beide die restliche Gesellschaft nicht mehr. Ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht, als sie ihm die Hand reichte.

Immer einen Schritt hinter Ilona hielt sich Margarethe auf, ihre Hofdame, sie betrachtete das Geschehen sehr aufmerksam. Ihre Augen, dunkel und von einem leisen Spott umspielt, musterten vor allem den stattlichen, Franziskus, der das höfische Spiel weniger elegant beherrschte. Er wich ihren Blicken aus, verwirrt über das offene Interesse, das sie ihm entgegenbrachte. Für ihn war dies zunächst nur eine höfliche Geste, er begriff nicht, dass hier vielleicht mehr im Spiel war.

Während Musikanten im Hintergrund eine fröhliche Melodie anstimmten und die Stimmen des Hofes zu einem warmen Summen verschwammen, begann ein doppeltes Spiel: jenes der Politik – und jenes der Herzen.

Natürlich war es Béla´s Hintergedanke gewesen, seine Halbschwester dem jungen Babenberger zuzuführen. Doch kein Plan, so fein gesponnen er auch sei, vermag das freie Feuer der Leidenschaft zu erzwingen. Dass es gelang, lag nicht an Diplomatie, sondern an Ilonas Augen, die den Prinzen festhielten wie ein Bann. Noch am selben Abend, als sie im Glanz des Kerzenlichts an seiner Seite wandelte, fühlte Leopold die seltsame Mischung aus Unsicherheit und Entzücken, er war ihrem Liebreiz bereits verfallen.

Am folgenden Tag führte ein gemeinsamer Ausritt die beiden hinaus aus den Hallen des Hofes, fort von den wachsamen Blicken der Höflinge. Zwischen winterkahlem Geäst und dem Atem der Pferde, der wie Rauch in der kalten Luft stand, senkten sich Worte, so leicht wie fallende Schneeflocken, aber mit dem Gewicht von Schwüren. Beim Abschied gaben sich beide das Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen, ein Treffen in Pressburg wurde vereinbart.
Währenddessen entfaltete sich ein anderes, verborgenes Spiel zwischen Franziskus und Margarete, der Hofdame. Sie war kein stilles Wesen, sondern eine Frau, die mit einer Mischung aus Spott und Wärme die Wehrhaftigkeit des jungen Recken prüfte. Er, der an Klingen und Blut gewöhnt war, fand sich wehrlos gegen ihre offenen Andeutungen, ihr verführerisches Lächeln, das mehr forderte, als er verstand. Und in jenen Stunden lernte er, dass auf dem Schlachtfeld der Liebe andere Regeln gelten.

Nach zehn Tagen endete der Aufenthalt. Leopold und Franz kehrten nach Wien zurück, ein Ritt ohne Übernachtung, bei dem nur rasch die Pferde gewechselt wurden, denn Leopold war begierig, seinen Eltern von dem Treffen mit Ilona zu berichten.

Im späten Dezember des Jahres 1174 fand dann ein inoffizielles Treffen in Pressburg statt, auf halben Wege zwischen Wien und der ungarischen Residenz. Die Mauern der Burg auf den Felsen über der Donau, ragten grau gegen den Himmel, Nebel zog aus dem Fluss und legte sich wie ein Mantel um die Türme.

Leopold und Franz waren mit einer kleinen Reitergruppe gekommen, rasch, mit schlichten Wappen, um nicht aufzufallen. Ilona und Margarete hingegen hatten eine beschwerlichere Reise von Székesfehérvár hinter sich gebracht, in einer Kutsche, deren Räder auf dem gefrorenen Boden ächzten. Es war kein prunkvoller Einzug, ohne den Hofstaat, mit nur wenigen Begleiter.

Der Gespan von Pressburg, ein schweigsamer Mann und treuer Vasall der ungarischen Herrscherfamilie, empfing die Reisenden und führte sie in einen abgelegenen Flügel der Burg. Dort, hinter schweren Eichentüren, lag eine Kammer, deren Mauern noch den Hauch alter Kriegsjahre atmeten. Nur wenige Kerzen spendeten Licht, und aus dem Kamin kroch mehr Rauch als Wärme.

Leopold nahm Ilonas Hand, und in beider Augen sah man das Leuchten der Erwartung, er holte einen schlichten goldenen Ring aus der Tasche, und schob ihn über ihren zarten Finger. Keine Priesterworte, keine Zeugen der hohen Würde begleiteten diesen Augenblick, nur das leise Knistern des Feuers. Ilona neigte das Haupt, und ihr Lächeln verriet den Triumph der Liebe. Leopold sprach mit fester Stimme, dass er sie zur Gemahlin nehmen werde, sobald die Zeit es erlaube und das Bündnis offen verkündet werden könne.

Am Rande standen Franziskus und Margarete. Sie hatte ihre Hände gefaltet, doch die Finger bebten, nicht nur von der Kälte. Ihr Blick ruhte auf dem jungen Recken, voller Hoffnung, die sich nicht verbergen ließ. Franziskus spürte es und wusste, dass er nun etwas sagen musste, um Missverständnisse zu vermeiden:
„Meine Pflicht ist die Waffe, nicht das Heim.“
Margaretes Lächeln verlor seine Wärme, in ihren Augen lag Enttäuschung, die sie aber geschickt unter einer Haltung von Würde verbarg. Sie wusste, dass das neue Heim ihrer Herrin nun Wien sein würde, und damit auch das ihre, und so würden sich noch öfter Gelegenheit bieten, den verschlossenen Franziskus für sich zu gewinnen.

Ein Bund war geschlossen worden, eine Hochzeit war in Aussicht, doch zuvor mußte drohendes Unheil abgewendet werden, denn aus dem Norden drangen die Böhmen in das Herzogtum ein und verwüsteten Teile des Waldviertels, der Heimat der Kuenringer.