PROLOG TEIL 2
Vision: Nebelschwaden gleiten über ein Schlachtfeld, man sieht hunderte von verwundeten und toten Leibern, in der Ferne hört man Kampfgeschrei und das Klirren von Schwertern, ein Ordensritter kniet zwischen den Toten, sein Kopf ist gesenkt, die Arme ausgebreitet, die Kamera nähert sich ihm von hinten, dann dreht sich das Bild um die Gestalt und man erblickt einen zerfetzten Waffenrock mit dem schwarzen Kreuz des Ordo Teutonicus unter dem Umhang, Das blutverschmierte Gesicht hebt sich langsam zum Himmel und verzerrt sich in einem lautlosen Schrei ...
Zweifel und Abschied
Im Jahr 1200 machte das Herzogtum Österreich die ersten Schritte eine neue Ära, als Leopold VI., der Glorreiche, mit nur 24 Jahren die Zügel der Macht über Österreich und Steiermark übernahm. Der junge Herzog, geboren am 15. Oktober 1176 als Sohn von Leopold V. und Helena (Ilona) von Ungarn, trug die Bürde der Wiedervereinigung, die nach dem Tod seines Bruders Friedrich I. im Jahr 1198 vollzogen wurde. Mit einem scharfen Geist und einem Herzen, das nach Größe strebte, sah er Wien als seine aufstrebende Residenz, und träumte von einem Reich, das nicht nur durch Schwerter, sondern auch durch den Segen der Kirche erstrahlen sollte. Sein Plan war kühn: eine eigene Diözese in Wien zu errichten, um die Stadt aus dem Schatten der mächtigen Diözese Passau zu lösen und sie zu einem spirituellen Zentrum zu machen, das seine Herrschaft untermalte.
Doch dieser Traum stieß auf harten Widerstand.
Denn da stand Wolfger von Erla, der Bischof von Passau, damals ein Mann von etwa 60 Jahren, dessen graue Haare und durchdringende Augen von jahrzehntelanger Erfahrung zeugten. Geboren um 1140 in eine adlige Familie an der Enns, hatte er sich als Kirchenfürst einen Namen gemacht, der sowohl Respekt als auch Furcht einflößte. Mit seiner politischen Schlauheit und seiner engen Bindung zu den Staufern und Babenbergern – er hatte Friedrich I. auf dem Kreuzzug 1197 begleitet und Richards Löwenherz’ Freilassung unterstützt – war Wolfger ein Fels in der Brandung für die katholische Kirche. Und als Leopold seine Pläne vorantrieb, stellte sich Wolfger quer: für ihn war Wien ein Teil seines Reiches, und die Abspaltung einer Diözese hätte seine Macht geschwächt. Die Auseinandersetzung eskalierte in hitzigen Debatten, wo Wolfgers Autorität gegen Leopolds jugendlichen Eifer prallte – ein Disput, der die Luft in den Hallen Wiens mit Spannung auflud.
Inmitten dieses Machtkampfes stand Franziskus von Wolfstein, mit seinen damals 42 Jahren und als Marschall von Österreich, Kampfgefährte des verstorbenen Leopold V. und väterlicher Freund des jungen Leopold VI., hatte auch sein Wort Gewicht. Seine Verbindung zu Wolfger reichte tief: Gemeinsame Kreuzzüge und politische Bündnisse hatten sie verbunden, und obwohl der Bischof stets seine höhere Stellung betonte, schätzte er Franziskus als Freund und Verbündeten, einen Mann, dessen Schwert und Rat gleichermaßen wertvoll waren. Die Enttäuschung war groß, als Wolfger Leopolds Vorhaben durchkreuzte, denn diese Zurückweisung schnitt tief, für Franziskus fühlte es sich an, wie Verrat.
Ausgerechnet in dieser Zeit der Spannungen öffnete Wolfger eine unerwartete Tür für Franziskus. Durch den Bischof lernte er Walther von der Vogelweide kennen, einen charismatischen Minnesänger, dessen Lieder die Höfe der Länder des Westens erfreuten. Wolfger, ein Förderer der Künste, lud Franziskus zur Wartburg ein, wo sich die größten Künstler der Zeit versammelten – ein Ort, an dem die Luft von Poesie und Intrigen vibrierte. Dort hörte Franziskus erstmals das Nibelungenlied, dessen düstere Helden ihn faszinierten und gleichzeitig beunruhigten. Als man ihn scherzhaft mit Hagen verglich, dem finsteren Krieger der Sage, war er zugleich aufgebracht wie traurig, denn obwohl er seine Hände oft schmutzig gemacht hatte, im Auftrag seines Herzogs oder seines Kaisers, war Franziskus kein Verräter; seine Treue zu den Babenbergern war unerschütterlich, ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit seiner Seele. Dieser Konflikt nagte an ihm, während er zwischen Krieg, Politik und der unerwarteten Welt der Dichtkunst stand, und die Saat des Zweifels, die später wachsen sollte, wurde in diesem Jahr gelegt.
Währenddessen blühte Österreich unter Leopold VI.s Führung auf. Neue Siedler wurden angelockt, Land wurde urbar gemacht, und Wien wuchs als Handelszentrum. Rivalitäten mit Adelsfamilien wie den Kuenringern überschatteten allerdings diese schöne Zeit des Aufbruchs.
Fortsetzung folgt.