Dante – Inferno
Gesänge I–XXXIV
Inferno XXXIV

Gesang XXXIV

Ganz unten, in Judecca, herrscht lautlose Erstarrung – und in der Ferne steht Lucifer im Eis. Sie betreten die letzte Zone des neunten Kreises, Judecca, den Ort der Verräter an ihren Wohltätern und Herren. Hier ist das Eis vollkommen. Die Seelen sind vollständig darin eingeschlossen, reglos, sprachlos, ohne jede Möglichkeit der Klage. Verrat ist hier zur absoluten Erstarrung geworden.

In der Ferne erhebt sich eine ungeheure Gestalt. Je näher sie kommen, desto deutlicher wird das Grauen: Es ist Lucifer, der Herr der Hölle. Er ist gigantisch, doch vollkommen gefangen im Eis. Seine drei Gesichter blicken in unterschiedliche Richtungen, Sinnbild zerrissener Vernunft. Aus seinen sechs Flügeln schlägt ein eisiger Wind, der den See Cocytus erstarren lässt. Nicht Feuer, sondern Kälte ist das Wesen des äußersten Bösen.

In jedem seiner drei Mäuler zermahlt Lucifer einen der größten Verräter der Menschheitsgeschichte: Judas Iskariot, der Christus verriet, sowie Brutus und Cassius, die Caesar ermordeten. Das Kauen ist mechanisch, endlos, ohne Leidenschaft. Lucifer selbst ist nicht Herrscher aus Macht, sondern Gefangener seiner eigenen Negation. Er leidet, ohne zu wissen, warum.

Vergil erklärt, dass sie nun den Mittelpunkt der Erde erreicht haben. Weiter hinab gibt es keinen Ort mehr. Um weiterzukommen, müssen sie sich an Lucifers Körper entlang bewegen. In einem scheinbar widersinnigen Moment kehrt sich die Richtung: Was eben noch Abstieg war, wird plötzlich Aufstieg. Dante erlebt Verwirrung, bis Vergil erklärt, dass sie den Mittelpunkt überschritten haben. Die Schwerkraft selbst hat sich gewendet.

Originaltext Gesang XXXIV

"Uns naht des Höllenköniges Panier!
Schau’ hin, ob du vermagst ihn zu erspähen."
So sprach mein edler Meister jetzt zu mir.

Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen,
Wie in der Dämmerung, vom fernen Ort
Windmühlenflügel aussehn, die sich drehen;

So sah ich jetzo ein Gebäude dort –
Nichts fand ich sonst, mich vor dem Wind zu decken,
Drum drängt’ ich fest mich hinter meinen Hort.

Dort war ich, wo – ich sing’ es noch mit Schrecken –
Die Geister, in durchsicht’ges Eis gebannt,
Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken.

Der lag darin gestreckt, und mancher stand,
Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bückte
Sich sprenkelkrumm, das Haupt zum Fuß gewandt.

Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte,
Daß es dem Meister nun gefällig schien,
Mir den zu zeigen, den einst Schönheit schmückte.

Da trat er weg von mir, hieß mich verzieh’n,
Und sprach zu mir: "Bleib, um den Dis zu schauen,
Und hier laß nicht dir Mut und Kraft entfliehn."

Wie ich da starr und heiser ward vor Grauen,
Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht,
Denn keiner Sprache läßt sich dies vertrauen.

Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht.
Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche,
Dem Tod und Leben allzugleich gebricht.

Der Kaiser von dem tränenvollen Reiche
Entragte mit der halben Brust dem Glas,
Und wie ich eines Riesen Maß erreiche,

Erreicht’ ein Riese seines Armes Maß.
Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen,
Dem solch ein Glied verhältnismäßig saß.

Ist er, wie häßlich jetzt, einst schön gewesen,
Und hat den güt’gen Schöpfer doch bedroht,
So muß er wohl der Quell sein alles Bösen.

O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot!
Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen,
Von diesen aber war das vordre rot.

Anfügten sich die andern zwei dem einen,
Gerad’ ob beiden Schultern hingestellt,
Um oben sich beim Kamme zu vereinen;

Das Antlitz links weißgelblich – ihm gesellt
Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen
Von jenseits kommen, wo der Nilus fällt.

Groß, angemessen solchem Vogel, standen
Zwei Flügel unter jedem weit heraus,
Die wir den Segeln gleich, nur größer, fanden,

Und federlos, wie die der Fledermaus.
Sie flatterten ohn’ Unterlaß und gossen
Drei Winde nach verschiedner Richtung aus.

Dadurch ward der Kozyt mit Eis verschlossen.
Sechs Augen waren nie von Tränen frei,
Die auf drei Kinn’ in blut’gem Geifer flossen.

Und einen armen Sünder malmt’ entzwei
Und kaute jeder Mund, daher zerbissen,
Flachsbrechen gleich, die scharfen Zähne drei.

Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen,
Verglichen mit den scharfen Klau’n, zu sein,
Die oft die Haut vom Fleisch des Sünders rissen.

Da sprach Virgil: "Sieh hier die größte Pein!
Ischariots Kopf steckt zwischen scharfen Fängen,
Und außen zappelt er mit Arm und Bein.

Zwei andre sieh, den Kopf nach unten hängen;
Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund
Sich ohne Laute winden, dreh’n und drängen;

Dort Cassius, kräftig, wohlbeleibt und rund –
Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen,
Denn ganz erforscht ist nun der Hölle Grund."

Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen,
Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell,
Und, als sich weit gespreizt die Flügel schwangen,

Hing er sich an die zott’ge Seite schnell,
Griff Zott’ auf Zott’, um sich herabzusenken
Inmitten eis’ger Rind’ und rauhem Fell.

Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken
Des Riesen sich der Lenden Kugeln dreh’n,
Eilt’ er, mit Müh’ und Angst, sich umzuschwenken.

Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn;
Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollten wir zurück zur Hölle gehn.

"Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter
Entkommt man nur so großem Leid," so sprach
Tiefkeuchend, wie ein Müder, mein Begleiter.

Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach,
Dann setzt’ er mich auf einen Rand daneben
Und streckte mir den Fuß behutsam nach.

Ich blickt’ empor und glaubte, wie ich eben
Den Dis gesehn, so stell’ er noch sich dar.
Doch seine Füße sah ich sich erheben.

Wie ich erschrak, bedenk’, o dumme Schar,
Der’s nottut, daß sie erst erkennen lerne,
Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war.

Da sprach Virgil: "Jetzt auf, das Ziel ist ferne,
Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast;
Und Sol, aufsteigend. scheucht bereits die Sternen

Nicht war’s ein Gang durch einen Prachtpalast,
Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde
Durch eine Felsschlucht, völlig dunkel fast.

Ich, aufrecht stehend, sprach: "Eh’ aus dem Schlunde
Der Weg, den du mich leitest, mich entläßt,
Reiß aus dem Irrtum mich und gib mir Kunde:

Wo ist das Eis ? Wie steckt Dis köpflings fest?
Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten
Die Überfahrt gemacht zum Ost vom West?

"Du glaubst dich auf des Zentrums andern Seiten,
Wo du am Wurme, der die Erde kränkt
Und sie durchbohrt, mich sahst herniedergleiten.

Du warst’s, solang’ ich mich hinabgesenkt;
Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere,
Durchdrängest du, da ich mich umgeschwenkt.

Jetzt kamst du zu der andern Hemisphäre,
Entgegen der, die großes trocknes Land
Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre

So fehllos lebt’ und starb, wie er entstand.
Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise,
Der hier Judokas andre Seit’ umspannt.

Und hier beginnt der Sonne Tagesreise,
Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt
Noch immer Luzifer nach alter Weise.

Vom Himmel ward er hier herabgestreckt.
Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben
Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt

Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben.
Um ihn zu flieh’n, drang auch die Erde vor
Aus dieser Höhl’ und drängte sich nach oben."

So sprach Virgil – und sieh, vom Dis empor
Ging eine Schlucht, tief wie die ganze Hölle,
Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr;

Denn rauschend lief ein Bach, des rasche Welle
Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang
Und vielgewunden, bis zu jener Stelle.

Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang
Den Rückweg an entlang des Baches Windung;
Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang,

Da blickte durch der Felsschlucht obre Rundung
Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne,
Und eilig stiegen wir aus enger Mundung

Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne.