Dante – Inferno
Gesänge I–XXXIV
Inferno XVI

Gesang XVI

Drei florentinische Edle treten aus der Glut heran und fragen nach dem Schicksal ihrer Stadt. Noch immer fällt der Feuerregen, noch immer glüht der Sand. Aus der Schar der rastlos Umhergehenden lösen sich drei Gestalten und treten Dante entgegen. Es sind edle Männer aus Florenz, ehemalige Staatslenker und Krieger, die Dante aus der Geschichte seiner Stadt kennt. Trotz ihrer Strafe bewahren sie Haltung und Würde.

Sie umringen Dante vorsichtig, halten Abstand vom Feuer und sprechen ihn mit Respekt an. Sie erkundigen sich nach Florenz und müssen von Dante hören, dass die Stadt dem moralischen Verfall anheimgefallen ist: Hochmut, Neid und Habgier beherrschen nun das öffentliche Leben. Die Männer beklagen diese Entwicklung bitter. Ihre Sorge gilt nicht dem eigenen Leid, sondern dem Schicksal der Gemeinschaft, der sie einst dienten.

Dante antwortet offen und ehrerbietig. Er erkennt ihre Verdienste an und spricht mit aufrichtiger Trauer über den Niedergang der Stadt. Als sie sich wieder entfernen müssen, bittet Dante sie, ihren Namen unter den Lebenden zu ehren. Die Begegnung endet in gegenseitigem Respekt – ein kurzer Moment politischer und moralischer Erinnerung mitten im Feuer.

Nachdem sie weitergegangen sind, vernehmen Dante und Vergil das laute Tosen eines herabstürzenden Wassers. Sie nähern sich dem Rand eines tiefen Abgrunds. Dort fließt der Strom, der aus dem Feuerfeld herabstürzt und in die Tiefe fällt. Vergil erklärt, dass sie nun an der Grenze zum nächsten Bereich stehen: dem achten Kreis der Hölle, dem Reich des Betrugs.

Um weiterzukommen, bedarf es eines besonderen Wesens. Vergil bittet Dante, seinen Gürtel zu lösen und ihm zu übergeben. Er wirft ihn über den Abgrund. Aus der Tiefe steigt daraufhin eine gewaltige Gestalt empor: Geryon, das Sinnbild des Betrugs. Sein Gesicht wirkt freundlich und menschlich, doch sein Körper ist schlangenartig, und sein Schwanz endet in einem tödlichen Stachel.

Dante erschrickt angesichts dieser trügerischen Erscheinung. Vergil erklärt, dass nur dieses Wesen sie hinabtragen kann. Der sechzehnte Gesang endet an dieser Schwelle: Die rohe Gewalt liegt hinter ihnen, nun beginnt das Reich der berechnenden Bosheit. Die Hölle wird subtiler – und gefährlicher.

Originaltext Gesang XVI

Ich war am Ort, wo’s widerhallend brauste
Vom Wasser, das da stürzt’ ins nächste Tal,
Als ob ein Schwarm von Bienen summt’ und sauste;

Da rannten Schatten her, drei an der Zahl,
Und trennten sich von einer größern Bande,
Die hinlief durch des Feuerregens Qual,

Und schrien: "Halt du, wir sehn es am Gewande
Dir deutlich an, du bist hierher versetzt
Aus unserm eignen schnöden Vaterlande."

Ach, alt’ und neue Wunden, eingeätzt
Von Flammen, sah ich nun in ihrem Fleische,
Und noch voll Mitleid denk’ ich ihrer jetzt.

Mein Meister horcht’ auf dieses Schmerzgekreische
Und sah mich an und sprach: "Hier harren wir!
Bedenke jetzt, was Höflichkeit erheische.

Denn wäre nicht der Feuerregen hier,
Nach der Natur des Orts, so würd’ ich sagen:
Die Eile zieme, mehr als ihnen, dir."

Ich stand und hörte neu ihr altes Klagen;
Zu uns gekommen waren alle nun,
Da sah ich sie sich selbst im Kreise jagen.

Wie nackende gesalbte Kämpfer tun,
Die Griff und Vorteil zu erforschen pflegen,
Indessen noch die Püff’ und Stöße ruh’n;

So sah ich sie im Kreise sich bewegen,
Mir immerdar das Antlitz zugewandt,
Und Hals und Fuß an Richtung sich entgegen.

Und einer sprach: "Wenn dieser lockre Sand
Und unsre Not uns nicht verächtlich machte.
Und unsre Haut, so rußig und verbrannt,

Dann unser Flehn, ob unsers Rufs, beachte;
Sprich, wer bist du? Wie lebend hier erscheinst?
Und was dich sicher her zur Hölle brachte?

Der, welchem du mich folgen siehst, war einst,
Muß er auch nackt hier und geschunden rennen.
Von höherm Range wohl, als du vermeinst.

Wer hörte nicht Gualdradas Enkel nennen,
Den Guidoguerra, dessen Schwert und Geist
Wohl Puglia und Florenz als tüchtig kennen?

Der hinter mir den lockern Sand durchkreist,
Tegghiajo ist’s, des Rat man noch auf Erden,
Obwohl man ihm nicht folgt’, als heilsam preist.

Ich, ihr Genoss’ in schrecklichen Beschwerden,
Bin Jakob Rusticucci, und mich ließ
Mein böses, wildes Weib so elend werden." –

Wenn irgend was vor’m Feuer Schutz verhieß.
So stürzt’ ich gern mich unter sie hernieder,
Auch litt, so glaub’ ich, wohl mein Meister dies.

Allein verbrannt hätt’ ich auch meine Glieder,
Drum unterdrückte Furcht in mir die Lust,
Die Jammervollen zu umarmen, wieder.

"Nicht der Verachtung bin ich mir bewußt,"
Begann ich, "nur des Leids für euch Geplagte,
Und schwer verwinden wird es meine Brust.

Ich fühlt’ es, als mein Herr mir Worte sagte,
Durch welche mir es deutlich ward und klar,
Daß, wer hier komme, hoch auf Erden ragte.

Ich bin aus eurer Stadt, und nimmerdar
Wird eures Tuns ruhmvoll Gedächtnis schwinden,
Das immer mir auch lieb und teuer war.

Ich ließ’ die Gall, um süße Frucht zu finden,
Die mein wahrhafter Führer prophezeit,
Doch muß ich erst zum Mittelpunkt mich winden."

"Soll lang’ noch deine Seele das Geleit
Der Glieder sein," so sprach nun er dagegen,
"Soll leuchten noch dein Ruf nach deiner Zeit,

So sage mir, bewohnen, wie sie pflegen,
Wohl unsre Stadt noch Kraft und Edelmut?
Sind sie verbannt und völlig unterlegen?

Denn Borsiere, welcher diese Glut
Seit kurzem teilt, und dort mit andern schreitet,
Erzählt’ uns manches, was uns wehe tut! –"

"Neu Volk und schleuniger Gewinn verleitet
Zu Unmaß dich und Stolz, der dich betört,
Florenz, und dir viel Leiden schon bereitet!"

Ich rief’s, das Aug’ emporgewandt, verstört.
Starr sah’n die drei sich an bei meinen Reden,
Wie man sich anstarrt, wenn man Wahrheit hört.

"Wir wünschen Glück, wenn du so wohlfeil jeden
Abfert’gen kannst," war aller Gegenwort,
"Und dir’s bekommt, nach Herzenslust zu reden.

Entkommst du einst aus diesem dunkeln Ort
Und siehst den Sternenglanz, den schönen, süßen,
Und sagst dann froh und heiter: Ich war dort,

Vergiß dann nicht, die Welt von uns zu grüßen!" -
Hier aber brachen sie den Kreis und floh’n
Voll Eil’ und wie mit Flügeln an den Füßen.

Eh’ man ein Amen ausspricht, waren schon
Sie alle drei aus meinem Blick verschwunden.
Drum ging sogleich mein Meister auch davon.

Ich folgt’ ihm nach, um Weitres zu erkunden,
Worauf uns bald des Stroms Gebraus erklang,
So nah, daß wir uns sprechend kaum verstunden.

Gleich jenem Flusse mit dem eignen Gang,
Des Fluten ostwärts vom Berg Veso toben.
Vom Apennin an seinem linken Hang;

Das stille Wasser heißt er erst dort oben,
Dann senkt er sich und wird bei Forli bald
Des ersten Namens wiederum enthoben –

Des Sturz dort ob Sankt Benedikt erschallt.
Wo seine Wellen in den Abhang brausen,
Der groß für Tausend ist zum Aufenthalt:

So brach von einem Felsenhang voll Grausen
Der rotgefärbte Fluß sich brüllend Bahn,
Und kaum ertrug das Ohr sein wildes Sausen.

Mit einem Stricke war ich umgetan,
Und manches Mal mit diesem Gurte dachte
Ich das gefleckte Panthertier zu seh’n.

Nachdem ich los von mir den Gürtel machte,
Wie ich vom Führer mir geboten fand,
Macht’ ich ein Knäuel draus, das ich ihm brachte.

Er aber kehrte dann sich rechter Hand
Und schleuderte zum tiefen Felsenschlunde
Das Knäul hinunter ziemlich weit vom Rand.

"Entsprechend", dacht’ ich, "muß die neue Kunde
Dem neuen Wink und diesem Blicke sein,
Womit mein Meister schaut zum tiefen Grunde."

Stets präge doch der Mensch sich Vorsicht ein
Mit solchen, die des Herzens Sinn erspähen,
Und nicht sich halten an die Tat allein.

Er sprach: "Bald werden wir auftauchen sehen,
Was ich erwart’; und das, was du gedacht,
Wird deutlich bald vor deinen Blicken stehen."

Bei Wahrheit, die der Lüge gleicht, habt acht,
Soviel ihr könnt, euch nimmer auszusprechen,
Sonst werdet ihr ohn’ eure Schuld verlacht.

Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen
Und schwör’, o Leser, dir, bei dem Gedicht,
Dem nimmer möge Huld und Gunst gebrechen:

Ich sah durch jene Lüfte schwarz und dicht
Ein Bild, nach oben schwimmend, sich erheben,
Dem Kühnsten wohl ein wunderbar Gesicht –

Wie jemand kehrt, der sich hinabbegeben.
Den Anker, der im Felsenrisse steckt,
Zu lösen, wenn er sich beim Aufwärtsstreben

Von unten einzieht und nach oben streckt.