Dante – Inferno
Gesänge I–XXXIV
Inferno VII

Gesang VII

Am Eingang zum vierten Kreis stellt sich ihnen der Dämon Plutus entgegen und stößt wirre, unverständliche Worte aus. Dante erschrickt, doch Vergil weist die Macht des Dämons zurück: Der Wille von oben duldet keinen Widerstand. Plutus bricht zusammen, und der Weg ist frei.

Sie betreten einen weiten Kreis, in dem zwei große Scharen von Seelen einander gegenüberstehen. Die einen schieben schwere Lasten mit der Brust vor sich her, die anderen stoßen sie mit Gewalt zurück. Immer wieder prallen die Gruppen aufeinander, wenden sich um und beginnen von Neuem. Es ist ein endloses, sinnloses Kreisen. Vergil erklärt, dass hier die Geizigen und die Verschwender büßen. Im Leben hielten sie Maß und Ordnung des Besitzes nicht ein; nun sind sie an nutzlose Arbeit gekettet. Viele von ihnen waren einst Geistliche und Würdenträger, doch ihre irdische Stellung ist hier ausgelöscht.

Dante versucht, einzelne Gesichter zu erkennen, doch Vergil erklärt, dass ihre Schuld sie entstellt hat. Der maßlose Umgang mit Reichtum hat ihre Individualität ausgelöscht. Fortuna, so erläutert Vergil weiter, ist keine blinde Macht, sondern Teil der göttlichen Ordnung. Sie verteilt und entzieht Besitz nach einem höheren Gesetz, das der Mensch nicht durchschaut. Wer sich ihr widersetzt, widersetzt sich letztlich der Ordnung selbst.

Von dort steigen sie weiter hinab zum fünften Kreis. Ein dunkler Sumpf breitet sich vor ihnen aus: der Styx. In seinem schlammigen Wasser schlagen, beißen und würgen sich die Zornigen. Sie reißen einander mit Händen und Zähnen an, getrieben von derselben Wut, die sie im Leben beherrschte. Unter der Oberfläche hingegen liegen die Trägen. Sie sind ganz im Schlamm versunken und stoßen nur dumpfe, gurgelnde Laute aus. Ihr Schweigen ist ihre Strafe: Sie unterdrückten im Leben jedes Streben nach dem Guten, nun ersticken sie in sich selbst.

Dante hört ihre gedämpften Klagen, während sie durch den Sumpf schreiten. Der siebente Gesang endet an der Grenze der Stadt Dis, deren Mauern bereits drohend in der Ferne aufragen. Die Sünden sind nun nicht mehr bloß ungeordnet, sondern zunehmend bewusst und verhärtet. Der Abstieg wird schwerer, und die Dunkelheit dichter.

Originaltext Gesang VII

Aleph, Pape Satan, Pape Satan!
Erhob, rauh kluchzend, Plutus seine Stimme.
Und er, der alles wohl verstand, begann:

"Getrost, nicht fürchte dich vor seinem Grimme,
Durch alle seine Macht wird’s nicht verwehrt,
Daß ich mit dir den Felsen niederklimme."

Und dann, zu dem geschwoIlnen Mund gekehrt,
Rief er: "Wolf, schweige, du Vermaledeiter!
Von deiner Wut sei in dir selbst verzehrt!

Wir gehn nicht ohne Grund zur Tiefe weiter,
Dort will man’s, dort, wo einst den Stolz mit Schmach
Gezüchtigt Michael, der Himmelsstreiter."

Gleichwie die Segel, wenn der Mast zerbrach,
Erst aufgebläht zum Knäuel niederrollen,
So fiel das Untier, das so drohend sprach.

So ging’s zum vierten Kreis im schmerzenvollen
Unsel’gen Schacht, der alle Schuld umfängt,
Von welcher je im Weltall Kund’ erschollen.

Gerechtigkeit des Herrn, dein Walten drängt
So neue Mühn zusammen, solche Plagen!
O blinde Schuld, die hier den Lohn empfängt!

Wie der Charybdis Wogen sich zerschlagen,
Zum Gegenstoß gewälzt von Süd und Nord,
So muß sich hier das Volk im Wirbel jagen.

Noch nirgend war die Schar so groß wie dort.
Laut heulend kamen sie von beiden Enden
Und wälzten Lasten mit den Brüsten fort.

Und stießen sich, um sich beim Prall zu wenden,
Und dann zurück im Bogenlauf zu zieh’n,
Und schrien sich zu: Was halten? – Was verschwenden?

So durch den Kreis, in dem kein Lichtstrahl schien,
Ging’s beiderseits dann nach der andern Seite,
Indem sie beid’ ihr schändlich Schmähwort schrien.

Dann wandte jeder sich zum neuen Streite,
Sobald er seines Zirkels Hälft’ umkreist;
Und ich, der ich den Armen Mitleid weihte,

Sprach: "Meister, o wie zagt, wie bangt mein Geist
Wer ist dies Volk? Die links hier scheinen Pfaffen!
Ist’s jeder, der uns eine Glatze weist ?

Und er: "Dies sind die Blinden, Geistesschlaffen.
Sie wußten in der Welt zum Geben nie
Und nie zum Sparen sich ein Maß zu schaffen.

Und dies erhellt aus dem, was jeder schrie,
Wenn sie im Kreis gelangt zu zweien Orten;
Da trennt der Gegensatz des Lasters sie.

Die mit den Glatzen waren Pfaffen dorten;
Auch öffneten wohl Papst und Kardinal
Dem Geiz als Zwingherrn ihres Herzens Pforten."

Drauf sprach ich: "Meister, kenn’ in dieser Zahl
Ich keinen, der im Schmutz so eitlen Strebens
Sich hier erworben hat die ew’ge Qual?"

Und er zu mir: "Dein Suchen ist vergebens,
Unkenntlich macht sie ihr verdientes Los
Durch Kot und Schmutz bewußtlos dunkeln Lebens.

So kommen stets zum Stoß und Gegenstoß,
Bis sie erstehn – die mit verschnittnen Haaren,
Die mit geschlossner Faust – dem Grabesschoß.

Versetzt hat sie schlecht Geben und schlecht Sparen
Von jener heitern Welt in diesen Zwist;
Nicht sag’ ich welchen, denn du kannst’s gewahren.

Sieh hier, mein Sohn, welch eitles Ding es ist
Um jenes Gut Fortunens, das die Leute
Zum Kampfe reizt und zu Gewalt und List.

Gib diesen Müden alles Gold zur Beute,
Das sie gehabt, ja alles Gold der Welt,
Und keine Stunde Ruh’ gibt’s ihnen heute."

Und ich: "Mein Meister, sprich, wenn dir’s gefällt,
Wer ist Fortuna doch, die, wie ich hörte,
In ihren Klau’n der Erde Güter hält?"

Und er zu mir: "O Arme, Trugbetörte!
Unwissende, zum Schlimmsten stets geneigt!
O daß mein Spruch jetzt aller Wahn zerstörte!

Er, dessen Weisheit alles übersteigt,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
Daß jedem Teil sich jeder leuchtend zeigt,

Durch seines Lichts gleichmäßige Verbreitung.
So gab er schaffend auch die Dienerin
Dem Erdenglanz zur Führung und Begleitung.

Von Volk zu Volk, von Blut zu Blute hin,
Bringt sie das eitle Gut, das nirgends dauert,
Und kümmert nicht sich um der Menschen Sinn.

Dies Volk befiehlt, ein andres dient und trauert,
Wie jene Führerin das Urteil spricht,
Die, wie die Schlang’ im Gras, verborgen lauert.

Nichts gegen sie hilft eurer Weisheit Licht,
Sie sorgt, erkennt, vollzieht in ihrem Reiche,
Und weicht darin den andern Göttern nicht.

Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche;
So macht sie, von Notwendigkeit gejagt,
Aus Reichen Arme, dann aus Armen Reiche.

Sie ist’s, die ihr ans Kreuz oft wütend schlagt,
Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen,
Sie loben solltet, fälschlich Böses sagt.

Doch sie, die Sel’ge, hört nicht euer Grollen;
In andrer erstgeschaffnen Seligkeit
Und Wonne, läßt sie ihre Kugel rollen. –

Doch eilig weiter jetzt zu größerm Leid!
Die Stern’, aufsteigend, als ich fortgeschritten,
Gehn abwärts itzt, und unser Weg ist weit."

Am andern Rand ward nun der Kreis durchschnitten,
An einem Quell, der siedend dort entspringt,
Des Wellen fort durch einen Graben glitten.

Mehr trüb’ als schwarz ist seine Flut und bringt,
Wenn man ihr folgt, hinab zu rauhen Wegen,
Durch die man mit Beschwerde niederdringt.

Dann qualmt ein Sumpf, mit Namen Styx, entgegen
Dort, wo der traur’ge Fluß vom Laufe ruht,
Am Fuß des greulichen Gestad’s gelegen.

Dort stand ich nun und sah nach jener Flut,
Und jäh im Sumpfe Leute, kot’ge, nackte,
Zugleich des Jammers Bilder und der Wut.

Man schlug sich nicht mit Fäusten nur, man hackte
Mit Haupt und Brust und Füßen auf sich ein,
Indem man wild sich mit den Zähnen packte.

Mein Meister sprach: "Sohn, sieh in dieser Pein
Die Seelen derer, so der Zorn bezwungen.
Auch unterm Wasser müssen viele sein;

Und wenn ein Seufzer ihnen sich entrungen.
Dann steigen BIasen auf von ihrer Not,
Drum sieh von Kreisen diese Flut durchschwungen.

Und immer rufen sie, versenkt im Kot:
Wir waren elend einst im Sonnenschimmer
Und hegten Groll und Tücke bis zum Tod,

Und elend sind wir nun im Schlamm noch immer.
Dies Lied klingt gurgelnd vor aus ihrem Schlund,
Stets schluckend, enden sie die Worte nimmer.

So gingen, zwischen Pfuhl und festem Grund,
Wir an dem schmutz’gen Teich in weitem Bogen,
Den Blick gewandt zum Volk mit Schlamm im Mund,

Bis wir zu eines Turmes Fuß gezogen.